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So schüchtern er sich als Schüler oft zurückzog, so mutig war erbei Gefahren. Einstmals erschütterte ein Erdbeben die Stadt Zürich.Lehrer und Schüler rannten über Hals und Kopf die bebenden Stiegenhinab. Auf dem Schulplatze schauten sie zum Himmel hinauf undwarteten der Dinge, die da kommen sollten. Pestalozzi ging mutig indas Schulhaus zurück und holte die vergessenen Bücher, Kappen undHüte für alle. Neben dem Mute lebte ein starkes Rechtsgefühl in ihm.Wurde ein Schwacher von einem Stärkeren unterdrückt, so sprang erihm bei, auch wenn er den Zorn des Gegners auf sich lud. DenArmen suchte er in seiner Jugend schon fast über Vermögen zu helfen.Einem bettelnden Kinde gab er sein Stück Brot vom Munde weg,auch wenn er selbst hungrig bleiben mußte.
Seit seinem 9. Jahre kam Pestalozzi jeden Sommer einige Wochennach Höngg, wo sein Großvater als Pfarrer wirkte. Dort befreundeteer sich mit den Dorfkindern und lernte das Volk recht kennen undlieben. Wohl waren manche seiner Spielgenossen zerlumpt und unge-waschen, aber dabei blühend wie Rosen und lustig wie Eichhörnchen.Die kleinen freuten sich ihrer Freiheit und wuchsen frisch und kräftigheran. Aber ach! nach 3, 4 Jahren waren sie kaum wieder zu er-kennen! Die vollen Backen waren eingefallen und fahl, die Augenmatt und scheu. Um des kärglichen Erwerbs willen wurden nämlichschon die Kinder in die Baumwollenfabrik hineingetrieben. HerzlichesErbarmen erfüllte das Herz des Jünglings Pestalozzi. In stillenStunden sann er darüber nach, wie dem Elend des armen Volkes ab-zuhelfen und sein Glück zu pflanzen und zu mehren sei. Nur einebessere geistige und leibliche Erziehung und ein gesünderer Erwerb konnteden Schaden heilen. Dies hohe Ziel stellte er sich immer entschiedenerals Lebensaufgabe.
Er glaubte seinem Gölte und seinem Volke am besten dienen zukönnen, wenn er Geistlicher werde, wie sein Großvater. Obschon ersich wohl vorbereitet hatte, mißlangen ihm seine ersten Versuche imPredigen. „Ich kann nie ein guter Pfarrer werden!" seufzte er;„aber lieber keiner als ein schlechter!" Und mit festem Entschluß fügteer hinzu: „So will ich ein Rechtsgelehrter werden, um das Unrechtzu bekämpfen, wo ich's finde. Den Unterdrückten will ich helfen undden stolzen Sündern, die das Recht beugen, die Larve vom Gesichtreißen!" Mit andern jungen Männern vereinigte er sich zu einem