531
Rechtsbunde. Sie wollten alles dunkle Unrecht ans Licht ziehen, allemißachteten Volksrechte wieder zu Ehren bringen und so die öffentlicheSitte und Sittlichkeit bessern. Durch ihr Wochenblatt, „den Erinnercr",der alle Bürger an ihre Pflichten und Rechte erinnern sollte, zogensie sich die Ungnade der städtischen Machthaber zu und verloren jedeAussicht auf ein öffentliches Amt im Gemeinwesen der Stadt Zürich.
Da sich Pestalozzi durch sein allzustrenges Studium eine Krank-heit zugezogen hatte, riet ihm ein Arzt, aufs Land zu gehen. Bei demberühmten Landwirt Tschiffeli in Kirchberg bei Burgdorf lernte er nunwährend eines Jahres den Feldbau in seiner größten Ausdehnung undin allen Arten kennen. Pestalozzi griff frohen Mutes die Arbeit an.Alle Handgriffe wollte er selbst lernen; denn es sei schwer befehlen,meinte er, wo man nicht erst gehorchen und üben gelernt habe. DiesesJahr war eines der glücklichsten seines Lebens.
3. Ein Vater der Bettelkinder.
Um seine neuerworbenen Kenntnisse in der Landwirtschaft selbständiganwenden zu können, kaufte Pestalozzi auf dem Birrfeld, eine Stundesüdlich von Brugg, etwa fünf Hektaren ziemlich wüstes Land zu demPreise von 230 Gulden (1 nU etwa zu 1 Rp.). Hier wollte er Krapp-wurzeln (zum Rotfärben) und Gemüse anbauen. In dem nahen DorfeMülligen an der Reuß mietete er sich eine kleine Wohnung nebst Scheune,Stall und Garten und begann die Bewirtschaftung seines Gütchens.Ein Zürcher Bankier, der Vater eines seiner Freunde, lieh ihm einKapital von 15000 Gulden, so daß er sein Besitztum nach und nachauf 36 Hektaren erweitern und abrunden konnte. Um jene Zeit ver-heiratete sich Pestalozzi mit Anna Schultheß, der feingebildeten Tochtereiner angesehenen Kaufmannsfamilie in Zürich. In einem ausführ-lichen Briefe hatte er ihr seine Bestrebungen, seine Verhältnisse undseinen Charakter gewissenhaft geschildert und ihr dabei auch seine Fehlerund Mängel nicht verschwiegen. Die edle Jungfrau erkannte darausdie Größe seines Geistes und seine Herzensgüte, und ihr festes Gott-vertrauen gab ihr den Mut, die Gattin des jungen, unerfahrenen Land-wirts zu werden.
Pestalozzi baute auf seinem Gut ein schönes Landhaus, das er„Neuhof" nannte. Durch eine Musterlandwirtschaft wollte er nun demVolke zeigen, wie auch bei kleinen Mitteln durch fleißige, umsichtige