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stockte; erschöpft sank der Hauptmann zurück. Der Freund hieltihm die mitgebrachte Weinflasche an den Mund; der Trunk hatteihn wieder gestärkt.
Danke, Lieber, nimm hier meine Brieftasche und schreibe: Meinletzter Wille. Ich vermache mein ganzes Vermögen in Staatspapierenund Geld, welche hei dem Bank i er M. in N. deponiert sind, derWitwe und den Kindern meines Feldweiheis H. von der 3. Kompagniedes 84. Infanterieregiments, der mit mir auf dem Feld der Ehregeblieben ist. Gravelotte, den 18. August 1870. — Und nun gibmir Brieftasche und Bleistift! — Dann unterschrieb er kräftig' seinenNamen und überreichte seinem Freund die Brieftasche mit den Worten:Du bist jetzt mein Testamentsvollstrecker!
Neben dem Schinerzenslager des Hauptmanns lag der Feldweibel.Der bleiche Mann mit dem blonden Bart hatte zuerst mit starrenAugen den Vorgang betrachtet. Als der Hauptmann sein Testamentdiktierte, belebte eine flüchtige Röte sein Gesicht, und Tränen liefenihm die Backen herab. 0, mein Hauptmann! sprach er mit todschwacherStimme. Der Hauptmann reichte dem Sterbenden noch die Handund sagte: Wir haben beide als brave Soldaten gedient und wollenjetzt als tapfere sterben. Gott sei .uns gnädig! Bald darauf starbder Feldweibel mit Lächeln auf dem Gesicht. Die Sorge um Weibund Kind war ihm vorn Herzen genommen. Kurz darnach schlummerteauch der Hauptmann ein. Karl Keiier.
12. Zwei Reiche.
Wenn man mir einen Millionär rühmt, der von seinen ungeheurenEinkünften Tausende hergibt, damit Kinder erzogen, Kranke geheilt,Greise gepflegt werden, so rührt mich eine solche Tat, und ich lobe sie.
Allein trotz meiner Rührung und meinem Lobe kann ich nichtumhin, einer armen Bauernfamilie zu gedenken, welche eine verwaisteVerwandte in ihr elendes Häuschen aufnahm.
Nehmen wir das Käthchen zu uns, sprach die Frau, so wird derletzte Groschen draufgehen; wir können uns dann nicht einmal mehrSalz für die Suppe kaufen.
Nun, dann essen wir sie ungesalzen, antwortete ihr Mann.
Es ist ein weiter Schritt von dem Millionär bis zu diesem Bauer!
J. Turgenjeff.