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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
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merkwürdige Wildnis darstellte. Nachdem sie in der Mitte diesergrünen Wildnis einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sichdaran belustigt, die verschlungenen Hände über die hohen Distelstaudenzu schwingen, ließen sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder,und das Mädchen begann, seine Puppe mit den langen Blättern desWegekrautes zu bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und aus-gezackten Rock bekam; eine einsame rote Mohnblume, die da nochblühte, wurde ihr als Haube über den Kopf gezogen und mit einemGrase festgebunden, und nun sah die kleine Person aus wie eineZauberfrau, besonders nachdem sie noch ein Halsband und einenGürtel von kleinen, roten Beerchen erhalten. Dann wurde sie hoch indie Stengel der Distel gesetzt und eine Weile mit vereinten Blickenangeschaut, bis der Knabe sie genugsam gesehen und mit einem Steineherunterwarf. Dadurch geriet aber ihr Putz in Unordnung, und dasMädchen entkleidete sie schleunigst, um sie aufs neue zu schmücken;doch als die Puppe eben wieder nackt und bloß war und nur noch derroten Haube sich erfreute, entriß der wilde Junge seiner Gefährtin dasSpielzeug und warf es hoch in die Luft. Das Mädchen sprang klagenddarnach; allein der Knabe fing die Puppe zuerst wieder auf, warfsie aufs neue empor, und indem das Mädchen sie vergeblich zu haschensich bemühte, neckte er es auf diese Weise eine gute Zeit. Unter seinenHänden aber nahm die fliegende Puppe Schaden und zwar am Knieihres einzigen Beines, allwo ein kleines Loch einige Kleiekörnerdurchsickern ließ. Kaum bemerkte der Peiniger dies Loch, so ver-hielt er sich mäuschenstill und war mit offenem Munde eifrig beflissen,das Loch mit seinen Nageln zu vergrößern und dem Ursprung derKleie nachzuspüren. Seine Stille erschien dem armen Mädchen höchstverdächtig, und es drängte sich herzu und mußte mit Schrecken seinböses Beginnen gewahren. Sieh mal! rief er und schlenkerte ihr dasBein vor der Nase herum, daß ihr die Kleie ins Gesicht flog; undwie sie darnach langen wollte und schrie und flehte, sprang er wiederfort und ruhte nicht eher, bis das ganze Bein dürr und leer herab-hing als eine traurige Hülse. Dann warf er das mißhandelte Spiel-zeug hin und stellte sich höchst frech und gleichgültig, als die Kleinesich weinend auf die Puppe warf und dieselbe in ihre Schürze hüllte.Sie nahm sie aber wieder hervor und betrachtete wehselig die Ärmste,und als sie das Bein sah, fing sie abermals an laut zu weinen; denndasselbe hing'an dem Rumpfe nicht anders, denn das Schwänzchen aneinem Molche. Als sie gar so unbändig weinte, ward es dem Misse-täter endlich etwas übel zu Mut, und er stand in Angst und Reuevor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte sie plötzlich aufund schlug ihn einigemale mit der Puppe, und er tat, als ob es ihm