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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
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weh täte, und schrie Au! so natürlich, daß sie zufrieden war undnun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung fortsetzte.Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen aller Endendie Kleie entströmen, welche sie sorgfältig auf einem flachen Steinezu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam betrach-teten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war derKopf, und er mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kindererregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschtenLeichnam und guckten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie diebedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es dernächste und natürlichste Gedankensprung, den Kopf mit der Kleieauszufüllen, und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt,,um die Wette Kleie in den Kopf zu tun, so daß zum erstenmal inseinem Leben etwas in ihm steckte. Der Knabe mochte es aberimmer noch für ein totes Wissen halten, weil er plötzlich eine große,blaue Fliege fing und, die Summende zwischen beiden hohlen Händenhaltend, dem Mädchen gebot, den Kopf von der Kleie zu entleeren.Hierauf wurde die Fliege hineingesperrt und das Loch mit Grasverstopft. Die Kinder hielten den Kopf au die Ohren und setztenihn dann feierlich auf einen Stein; da er noch mit der roten Mohn-blume bedeckt war, so glich der Tönende jetzt einem weissagendenHaupte, und die Kinder lauschten in tiefer Stille seinen Kunden undMärchen, indessen sie sich umschlungen hielten. Aber jeder Propheterweckt Grauen und Undank; das wenige Leben in dem dürftiggeformten Bilde erregte die menschliche Grausamkeit in den Kindern,und es wurde beschlossen, das Haupt zu begraben. So machten sieein Grab und legten den Kopf, ohne die gefangene Fliege um ihreMeinung zu befragen, hinein und errichteten über dem Grabe einansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann empfanden sie einigesGrauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes begraben hatten, undentfernten sich ein gutes Stück von der unheimlichen Stätte.

Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten Plätzchen legte sichdas Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und begann in eintönigerWeise einige Worte zu singen, immer die nämlichen, und der Jungekauerte daneben und half, indem er nicht wußte, ob er auch vollends um-fallen solle, so lässig und müßig war er. Die Sonne schien demsingenden Mädchen in den geöffneten Mund, beleuchtete dessenblendend weiße Zähnchen und durchschimmerte die runden Purpur-lippen. Der Knabe sah die Zähne, und, dem Mädchen den Kopfhaltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: Rate,wie viel Zähne hat man? Das Mädchen besann sich einen Augen-blick, als ob es reiflich nachzählte, und sagte dann auf Geratewohl: