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Gletscher hinunter: Jetzt — aber mir unschädlich! Dann ließsie ein Stümpchen Licht brennen und ging zu Bette. Bald wurdedie Haus- und Stubentüre wie von zarter Frauenhand sachte geöffnet,ein kalter Windhauch fuhr herein, und dann trippelte und trappeltees herein, als wenn sich unzähliges Volk in die Stube und zu demGiltsteinofen drängte. Das ging die ganze Nacht hinein und hinauswie in einem Bienenkorb, aber die gute Witwe schlief fest in ihremBette, die Decke bis an die Schläfen hinaufgezogen, und sah undhörte nichts. Gegen Morgen, wenn im Tal unten zum Rosenkranz ge-läutet wurde, verschwand die Geisterschar wieder, die Frau kleidetesich an, kochte die Milch und setzte sich wieder ans Spinnrad. Soging es jede Nacht, den ganzen Winter hindurch.
An einem überaus kalten Winterabend blieb sie länger als gewöhn-lich an ihrem Spinnrocken, weil sie den Rest von ihrem Werghaufennoch abspinnen wollte. Darüber verstrich die Zeit, und Mitternachtrückte heran. Sie vernahm schon seit einiger Zeit ein leises Ge-summe, aber sie hatte geglaubt, das sei der Gesang ihres Spinnrades.Auf einmal rief jemand ganz deutlich vor ihrem Fenster: Schoch,Schoch, Schoch, d’Altschmidja spinnt noch, d. h. uns friert, und dieAltschmidja spinnt noch. Die Frau hielt das Rad an, trat ans Fensterund rief hinaus: Ich weiß es wohl, ich will nur noch diese LockeWerg abspinnen! Das ging aber länger als sie geglaubt, und baldertönte draußen von neuem die Stimme: Schoch, Schoch, Schoch,d’Altschmidja spinnt noch! Da verlor sie die Geduld und rief hinaus:Wenn ihr nicht warten mögt, bis ich fertig bin, so kommt haltherein; aber sie vergaß beizufügen: Mir unschädlich! Da flogendie Haus- und die Stubentüre mit einem heftigen Ruck auf, und einganzer Schwärm unsichtbarer Geister drängte herein, und das rauschteund summte und brummte und wollte kein Ende nehmen. Sie hieltdie Hand aufs Herz, denn ihr wurde auf einmal so heiß am Spinnrad,daß die Schweißtropfen über die Wangen perlten. Sie konnte sichnicht mehr rühren, weder vorwärts noch rückwärts; denn die Stubewar übervoll, und da mußte sie sitzend am Spinnrad warten, bis amMorgen die unheimlichen Geister wieder verschwanden. Sie nahmes für eine Strafe hin und dachte, sie hätte halt die Geister wenigerlang in der eiskalten Luft draußen warten lassen sollen, und von nunan spann sie nicht mehr über die gewöhnliche Zeit hinaus. Wenndie Stunde da war, ließ sie ein Lichtlein brennen, gab das Zeichenzum Fenster hinaus und schlüpfte ins Bett.
So verstrichen noch viele Jahre, und die Altschmidja fühlte dieLast des Alters und das Versagen ihrer Kräfte. Auf einmal nahmensie so rasch ab, daß sie wußte, jetzt hange ihr Leben nur noch an