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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
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weichen die vom Leimweh getriebenen Leiden weder nach rechts nochnach links auch nur um eines Fingers Breite ab, und so hat erdenn seit unvordenklichen Zeiten genau die nämliche Richtung undGröße. Es dars deswegen kein Laus aus denFriesenweg" gebautwerden; sonst wird es beim nächsten Zuge entweder auseinandergeriffenoder wie von einer Lawine hinweggefegt. Übrigens kennt man diesenunveränderten und unveränderlichen Weg wohl, und es gibt im Saanemlande alte Leute genug, die dem Ankündigen genauen Bescheid überdenselben zu erteilen imstande sind.

Trotzdem war einst auf einer Alpe der Melkstall einer Sennhütteaus Anbed Achtsamkeit mitten aus den Friesenweg gebaut, die Türendesselben aber durch glücklichen Zufall gerade da angebracht worden,wo der Friesenweg ein-- und ausmündete. Wenn daher abends dasVieh gemolken und, wie es in den Alpen Sitte ist, wieder aus demStalle ausgetrieben war, so brauchte man nur die Türen sperrangelweitoffen zu lassen, und so oft auch der Friesenzug durch das Gebäude brauste,so wurde es doch nie beschädigt, noch einem der Bewohner ein Leidzugefügt.

Einst aber ergriff den Besitzer dieser Alpe die Sehnsucht nachden Seinigen, und er beschloß, Weib und Kinder drunten im Talaufzusuchen; vorher aber nahm er noch den Meisterknecht so heißtin den Alpen der Oberknecht aus die Seite und legte ihm ernstlichans Lerz, ja die Türen des Stalles während der Nacht nicht zu schließen,damit die Friesen ungehindert ihres Weges ziehen könnten, wenn sieetwa die Leimat wieder aufsuchen sollten. Kaum hatte er sich wiederentfernt, so verlachte der Meisterknecht die wohlgemeinten Ratschlägeund wurde mit den andern Knechten einig, den Friesen den Weg zuverlegen. Sie verriegelten die Tür und legten sich lachend auf ihreLeulager. Aus dem ersten Schlummer jedoch weckte sie ein furchtbaresRollen und Krachen. Bald auch hörten sie den Schall von Kriegshörnern,das Gewieher von Pferden, das Gebell von Lunden, den Befehlsrufvon Leerführern und das Geklirr von Waffen. Näher und näher kamdas Getöse; schon konnte man den klirrenden Schritt geharnischterMänner und das Getrabe von Pferden unterscheiden; endlich pochtees donnernd an die Tür, und dreimal erscholl dumpf der Ruf: Tüetuf die Tür, wan d's Friesenvolk will hindurch!

Zitternd und zagend saßen die Knechte auf ihren Lagern, undkeiner konnte sich entschließen, den verlegten Weg freizugeben und diebegangene Schuld gutzumachen. Da wurde plötzlich das ganze Dachder Sennhütte samt den vielen zentnerschweren Steinen, die darauflagen,wie von Geisterhand in die Löhe gehoben, so daß die zu TodeErschrockenen die Sterne am Limmel glänzen sahen; dann ward es