Buch 
Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
Entstehung
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199
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langsam wieder herniedergelaffen. Jetzt erkannte der Meisterknecht, daßnoch Schlimmeres zu erwarten stehe, wenn die Türe nicht geöffnetwürde, und da er wohl fühlte, daß bloß sein Mutwille die Arsache derunheimlichen Begebenheit war und er deshalb mit Fug und Recht denschweren Gang tue, so rief er hinunter: In des Äerrn Namen, ich tu' auf!und nahm, nachdem er hinuntergestiegen war, die Verschlußhölzer weg.

An der Wand neben dem Türeingang stehend, konnte er sich nunvon den Gestalten überzeugen, an die er nicht geglaubt hatte; dennkaum war das Tor erschlossen, so schritten Männer einher, die ihn-umHaupteslänge überragten, und boten ihm freundlich guten Abend. Dannrauschte mit Windeseile ein ganzes unzählbares Leer an ihm vorbei.Die Streiter waren in wehende Stierhäute gekleidet, deren Lörner überdie blonden Locken der Männer emporragten; auf den Schultern trugensie lange Speere oder gewichtige Streitäxte, während den linken Armein gewaltiger Eisenschild deckte. Ihnen folgten Reiter mit Flügelhelmen,auf deren blankem Metall die Sterne sich spiegelten; hinter diesen schrittwieder Fußvolk einher, dem große Karren nachgeführt wurden, aufwelchen Weiber mit Säuglingen an der Brust saßen; flinkfüßige Jungenund zottige Lande liefen neben ihm her. An dieses Wagenheer schloffensich wieder Reisige, und so ging es immer fort und wollte kein Endenehmen. So sah der Meisterknecht mit starrem Grausen das Volk wieim Traume an sich vorbeiziehen und konnte sich nicht von der Stellerühren, bis endlich der letzte Schatten an ihm vorbeigesiogen war, bisdie kühlen Morgenlüfte zu wehen begannen und das erste Frührotheimlich an den Gletschern zu glühen anhob. Dann erst suchte er stillund bleich sein Lager auf, von dem er sich nicht wieder erheben sollte;am Abend darauf war er eine Leiche. W. Frey.

31 . Aus dem Leben Heinrich Pestalozzis.

1. Eine treue Magd.

Herr Doktor, kommen Sie doch geschwind zu dem Hans imEnslihof! Er ist von der Leiter abgestürzt. Ich kam gerade vorbei,als das Unglück geschah. Es war niemand weiter daheim, da hinich gleich fortgesprungen. Mit diesen - Worten trat ein schlichtesDorfmädchen in das Haus des Wund- und Augenarztes Johann BaptistPestalozzi amRüdenplatz zu Zürich. Vorn Laufen war das Mäd-chen erhitzt und außer Atem.

Während sich der Arzt zur Reise rüstete, gewahrte es in einerEcke ein Büblein von 4 oder 5 Jahren; das war schwächlich an