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Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau : 6.-8. Schuljahr: 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirkung der kantonalen Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott
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gemeinnützige Unternehmen empfohlen, und von verschiedenen Seitenher sandte man Geldbeiträge.

In dem großen Hauswesen war die Liebe der gute Hausgeist,Pestalozzi und seine Gattin waren Tag und Nacht beschäftigt, dieverzogenen und verwahrlosten Bettelkinder an Ordnung und Reinlich-keit, Fleiß und Aufrichtigkeit zu gewöhnen. Jeden Augenblick gabes Streit zu schlichten, Verkehrtes zu verbessern, Handgriffe zu zeigen.Bei dieser verzweigten Tätigkeit fehlten die nötigen Hilfskräfte unddie klare Übersicht. Pestalozzi fing eins nach dem andern an, umdie Kinder vielseitig zu beschäftigen. Er ließ sehr feine Gewebe an-fertigen und trieb einen großen Handel mit den Erzeugnissen desLandes und der Hausindustrie. Weil ihm die erforderlichen Kennt-nisse mangelten, erlitt er Verluste über Verluste. Dazu kam Ärgerüber Ärger mit seinen Pfleglingen.

Manche derselben scheuten jede Anstrengung wie Gift. Sie ließensich im Neuhof wohl reinigen und kleiden, aßen sich satt und ent-flohen dann in den Sonntagskleidern bei Nacht und Nebel aus derAnstalt. Umsonst teilte Vater Pestalozzi alles, was er hatte, mitihnen; ja, er begnügte sich oft mit einem Stück Brot, um den Kin-dern etwas Besseres geben zu können; die guten Erdapfel ließ erihnen und behielt die geringen für sich. Trotzdem verleumdeten sieihn, er ließe sie hungern und speise sie mit Futter, das besser fürSchweine passe. Jeden Sonntag war der Neuhof voll von Mütternund Verwandten; sie klagten über die Erniedrigung ihrer Kinder,daß sie Hacke und Spaten brauchen, an Haspel und Webstuhl arbeitenmüßten; sie schimpften über die schlechte Kost und das dummeLernen. So hetzten sie die Kinder mit bösen Reden auf und machtensie immer widerwilliger und unzufriedener.

Bei diesen übergroßen Schwierigkeiten sah sich Pestalozzi zuseinem tiefsten Schmerze genötigt, die Anstalt nach fünfjährigem Be-stände aufzulösen. Er hatte seine beste Kraft und Liebe, seine edleGattin fast ihr ganzes Vermögen dran gesetzt. Nun waren sieselbst arm.

Durch 18 Jahre kämpfte Pestalozzi mit Mangel und Elend. EinesTages begegnete ihm ein stattlicher Jüngling und grüßte ihn höflichund herzlich. Pestalozzi sah ihn verwundert und fragend an. Siekennen mich nicht mehr, Vater Pestalozzi? fragte der Fremde, IhrenJoggeli, den Sie aus dem Kleehaufen und aus dem Elende gezogenund zu einem ordentlichen Menschen gemacht haben? Da erkanntePestalozzi seinen ersten Armenzögling und drückte ihn voll Freudenan sein Herz. Joggeli war Aufseher in einer Fabrik und danktePestalozzi sein Lebensglück.