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zürcherische Regierung auf die drei ersten Tage jeden Monats eineeigentliche Betteljagd anordnete. Auch im Kanton Aargau streiftenviele hungernde und bettelnde Kinder umher.
An einem Herbstmorgen ging Pestalozzi sinnend über seine Felder.Da sah er aus einem Kleehaufen zwei nackte Kinderfüße gucken. Erfaßte sie und zog daran. Au! schrie eine Stimme, und die Beineverschwanden so rasch, wie eine Schnecke ihre Fühler einzieht. Kommheraus aus deinem Haus! rief Pestalozzi; ich tu’ dir nichts! Dawühlte sich ein zehnjähriger Knabe aus dem sonderbaren Bette. Inseinen wirren schwarzen Haaren regten sich Tierlein, die man nichtgerne nennt. Das Wams war zerrissen. Aus dem Gesicht sprachenTrotz, Verlegenheit und Angst. Durch langes Fragen erfuhr Pestalozzi,daß der kleine Landstreicher, der sich „ Joggeli“ nannte, seiner Mutterentlaufen war; sie hatte ihn grün und blau geschlagen, weil er ihrnicht genug Geld zusammengebettelt hatte. Der arme Junge wolltenicht mehr zu ihr zurückkehren, sondern durch Betteln und Stehlenseinen Unterhalt selber suchen. Ich wüßte etwas viel Besseres fürdich! sagte Pestalozzi. Bleib bei mir! Du sollst gute Kleider, einwarmes Bett und ordentliches Essen bekommen! Der Bursche sahden Mann groß an und fragte: Was willst du denn mit mir machen?— Einen guten und glücklichen Menschen, der nicht bettelt undstiehlt! war die Antwort. Nach einigem Besinnen entschloß sich derKnabe, mit Pestalozzi nach Hause zu gehen. Mißtrauisch sah er zu-weilen auf die Seite, ob ihm der Mann nicht eins mit dem 'Stockeversetze, oder schaute sich ängstlich um, ob nicht die Häscher hinterihm her seien. Als Pestalozzi seine erstaunte Gattin fragte: Willstdu nicht helfen, Herzliebste, das unglückliche Kind für Gott und dieWelt zu retten? da war sie herzlich gern bereit dazu. So sammelteder edle Menschenfreund von den Landstraßen, auf den Feldern undin den Dörfern eine ganze Anzahl verwahrloster Kinder, denen er imNeuhof eine Heimat bereitete. Neben der Scheune wurden Räumezur Arbeit, zum Wohnen und zum Schlafen erstellt. Im Sommermußten die Kinder bei günstiger Witterung auf dem Felde arbeiten;im Winter waren sie beschäftigt, aus Baumwolle Garn zu spinnenund zu spulen und Tuch zu weben. Daneben lernten sie lesen,schreiben und rechnen. So hoffte Pestalozzi die leiblichen und geistigenKräfte der Kinder zu entwickeln und durch fleißige Übung die Lustzur Arbeit zu wecken.
Seine Pläne für die Armenerziehung erregten bei allen Freundendes Volkes großes Aufsehen. Von allen Seiten führte man der neu-gegründeten Anstalt auf dem Neuhofe Bettelkinder zu, so daß ihreZahl bis auf 50 stieg. In einer vielgelesenen Zeitschrift wurde das