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Lesebuch für das fünfte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorl. der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrate des Kantons St. Gallen
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und holzig ^geworden, und das Stämmchen hat mehr Kraft be-kommen. Die ganz jungen Triebe sind noch grün, schwach undkrautig. Ihre Zellenhäute erscheinen noch ganz dünn und weich.Allmählich werden sie dicker, trockener und härter; das Stämmchenwird holzig. Der Holunder treibt gewöhnlich aus seinen Wurzelnmehrere Schößlinge und erscheint daher als Strauch mit vielenStämmchen. Zuweilen entwickelt sich nur ein Stamm, der großund stark ist; er wird zum eigentlichen Baum.

2. Der Holunder ist nicht nur ein Freund der Kinder, sondernauch der Erwachsenen. Linne sagte, man sollte, wenn man aneinem Holunderstrauch vorübergehe, vor diesem den Hut abziehen.Unsere heidnischen Vorfahren hielten den Holunder heilig. Er warals ein Baum angesehen, der vor Hexerei, Seuchen und Feuerschütze, und selbst den Toten noch Segen spende. Der Schreinerschnitt einen langen, geraden Sprößling ab, um das Maß zumSarge zu nehmen, und der Fuhrmann, der den Toten zum Fried-hose führte, trug statt der Peitsche einenHolderstock" in derHand. Vor den Stall gepflanzt, sollte der Holunder das Viehvor Verhexung schirmen. Überdies bildete der Baum eine voll-ständige Hausapotheke; Blüte, Frucht, Mark, Rinde, Holz undWurzel fanden Anwendung gegen allerlei Krankheiten. Man scheutesich deshalb, den Holunderbaum umzuhauen.

3. In unsern Tagen ist freilich von dieser Verehrung nichtmehr viel übrig geblieben; aber man schätzt den Baum doch nochseiner Heilkräfte wegen und gönnt ihm gerne ein Plätzchen nebendem Hause. Seine starkduftenden Blüten wirken als Thee schweiß-treibend. Sie erscheinen im Juni oder Juli in großen, ebenenDolden. Die Blütenstiele gehen aber nicht von einem Punkte aus;man bezeichnet deshalb den Blütenstand als eine Trugdolde. Eineinzelnes Mütchen hat einen fünfzähnigen Kelch, eine fünfteiligeKrone, fünf Staubgefäße, einen Fruchtknoten und einen Griffel.Die Frucht ist eine schwarze Beere. Man sammelt sie etwa undkocht ßsie zu sDicksäften ein; auch bereitet man daraus dasHoldermus", das als schweißtreibendes Mittel gilt. Wegen derBeeren ist der Holunder auch ein Freund der Vögel. Rotkehlchenund Rotschwänzchen, Drosseln und Finken schmausen gern die faden