Buch 
Lehr- und Lesebuch für die Volksschule : 7. bis 9. Schuljahr (12. bis 15. Altersjahr) / von Ed. Schönenberger und B. Fritschi / Deutsche Sprache
Entstehung
Seite
49
JPEG-Download
 

49

48. Das Gewitter.

Urahne, Grossmutter, Mutter und KindIn dumpfer Stube beisammen sind.

Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,Grossmutter spinnet, Urahne gebücktSitzt hinter dem Ofen im Pfühl

Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: »Morgen ists Feiertag!Wie will ich spielen im grünen Hag!

Wie will ich springen durch Tal und Höhn,Wie will ich pflücken viel Blumen schön IDem Anger, dem bin ich hold!«

Hört ihrs, wie der Donner grollt ?

Die Mutter spricht: »Morgen ists Feiertag,Da halten wir alle fröhlich Gelag.

Ich selber, ich rüste mein Feierkleid,

Das Leben, es hat auch Lust nach Leid,

Dann scheint die Sonne wie Gold!«

Hört ihrs wie der Donner grollt?

Grossmutter spricht: »Morgen ists Feiertag,Grossmutter hat keinen Feiertag,

Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,Das Leben ist Sorg und viel Arbeit;

Wohl dem, der tat, was er sollt!«

Hört ihrs wie der Donner grollt?

Urahne spricht: »Morgen ists Feiertag,

Am liebsten ich morgen sterben mag;

Ich kann nicht singen und scherzen mehr,

Ich kann nicht schaffen und sorgen schwer,Was tu ich noch auf der Welt?«

Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören's nicht, sie sehens nicht,

Es flammet die Stube wie lauter Licht;Urahne, Grossmutter, Mutter und KindVorn Strahl mit einander getroffen sind!

Vier Leben endet ein Schlag

Und morgen ists Feiertag.

(i. Schwab.

4