unter so vielen reichen Leuten in der Welt. Aber als er ebendachte: Wenn ich's doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieserHerr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke und erblickteeinen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogeneinen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam undtraurig, als ob sie wüßten, daß sie einen Toten in seine Ruheführten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Ver-storbenen folgte nach, Paar und Paar, verhüllt in schwarze Mantelund stumm. In der Ferne läutete ein einsames Elöcklein. Jetztergriff unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinemguten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und erblieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis allesvorüber war. Doch machte er sich an den Letzten vom Zug, dereben in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle ge-winnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriffihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Erküse. „Dasmuß wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein," sagteer, „dem das Elöcklein läutet, daß Ihr so betrübt und nachdenklichmitgeht?" — „Kannitverstan!" war die Antwort. Da fielenunserm guten Tuttlinger ein paar große Tränen aus den Augen,und es ward ihm auf einmal so schwer und wieder leicht ums Herz.„Armer Kannitverstan!" rief er aus, „was hast du nun von allemdeinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme:ein Totenkleid und ein Leintuch, und von allen deinen schönenBlumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eineRaute." Mit diesen Gedanken begleitete er die Leiche, als wenner dazu gehörte, bis aus Grab, sah den vermeinten HerrnLannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte und ward vonder holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand,mehr gerührt als von mancher deutschen, auf die er nicht achtgab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort,verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutemAppetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wiedereinmal schwer fallen wollte, daß so viele Leute in der Welt soreich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannit-verstan in Amsterdam und an sein großes Haus, an sein reichesSchiff und an sein enges Grab.
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Deutsches Lesebuch für die unteren Klassen schweizerischer Mittelschulen
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