Buch 
Lesebuch für das fünfte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorl. der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrate
Entstehung
Seite
16
JPEG-Download
 

16

rj>

Er nwchte von dem weiten Wege müde sein. Auf demRain, der sich wie eine Welle über den Hof erhebt, setzte er sichnieder und ließ den Blick lang über die Wiesen, Äcker undBäume streifen, wobei er seine Kappe in den Nacken schob. End-lich erhob er sich und durchschritt dann langsam das ganze Gut.Keine Wiese, keinen Fleck Ackerland, nicht den ärmsten Winkelvergaß er. Die Bäume begrüßte er wie gute Bekannte, be-rührte ihre herabhängenden Äste, wie man sich unter Leutendie Hand reicht, streichelte die Stämme, wie man einem liebenKind die Wangen streichelt. Biele von diesen Bäumen warenja wirklich seine Kinder; er hatte die Wildlinge im Wald undHag gesucht, sie in guten Boden verpflanzt und edle Reiserdarauf gepfropft. Andere stammten von seinem Vater, einigevon seinem Großvater her. Mußte er da nicht alle kennen undlieb haben, wie lebendige Wesen. Mußte er nicht im Frühlingschon wissen wie die Frucht eines jeden im Herbst aussehenund schmecken würde. Er wußte auf zwanzig Jahre zurück,wie die Bäume geblüht und getragen hatten.

In der Wiese pflückte er ein paar Blumen, roch daran undsteckte sie mit kindlicher Freude ins Knopfloch, wie zu der Zeit,da er dem warmen Licht und Hauch der Jugendzeit noch nahewar. Die Blumen, die er wählte, mochten die nämlichen sein,die einst dem Knaben besonders gefallen und von denen seinekleinen Kinderhände manchmal ein Büschel der Mutter ge-bracht hatten, damit sie auch daran rieche und sie bewundere.

Auch am Bach blieb er stehen, und der alte Mann ließ essich nicht verdrießen, im Wasser behutsam ein paar Steine auf-zuheben, um zu sehen, ob noch Krebse darunter hausten wieeinst. Richtig, da faßte er einen, bevor er sich davonschnellenkonnte. Er ließ sich von den Scheren am Daumen klemmen undmußte in den Bart lachen, weil sich das geängstigte Tierchengegen die schwielige Haut abmühte, ohne wehe tun zu können.Sorgsam übergab er die Beute dem Wasser wieder. Das warder Unterschied gegen damals. Als Knabe hatte er die Krebsenach Hause getragen, und die Mutter hatte sie in Mehl undButter gebacken. Der Geschmack davon kam ihm jetzt noch aufdie Zunge, und er sagte sich erstaunt: Wie der Mund ein Ge-dächtnis hat!