Buch 
Lesebuch für das fünfte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorl. der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrate
Entstehung
Seite
38
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Der Trinker Dursli. Jcremias Gotthclf.

Wenn Dursli zur Seltenheit einmal schusterte und mitfertig gemachten Schuhen ein Kind aussandte und das Kinddas Geld dafür heimbrachte, ach, wie sehnsüchtig sahen dieKinder auf die Batzen und dachten an die kalten Füstchenund an ihre hungrigen Mäglein. Mit nassen Augen sahen siezu, wo der Bater das Geld hintue, ob in der Mutter Handoder in die eigene Hand. Und wenn er es in seine Tasche tatund polternd mit wildem Gesicht das Haus verliest, dann leg-ten die armen Kindlein ihre Köpfchen auf den leeren Tischund liesten leise ihre Tränen rinnen, und leise weinte amSpinnrads die Mutter. Aber wenn das leise Weinen derKinder in Schluchzen überging, dann brach auch der MutterHerz. Sie legte ihr Gesicht aufs Bett, um den Kindern ihrenJammer zu verbergen.

Und wepn Dursli gemachte Arbeit selbst forttrug, sodurste weder Weib noch Kind fragen, ob er wiederkomme.Aber das eine sah aus der Türe. das andere aus dem Fenster,ob der Bater nicht wiederkomme mit einem Ctücklein Geld,mit Holz, sie zu erwärmen, mit Brot, sie zu ernähren. Siesahen hinaus, bis es dunkel ward brausten, bis es dunkel wardvor ihren Augen. Wenn dann kein Bater komnren wollte, sobetete mit den weinenden Kindern die weinende Mutter zumhimmlischen Bater, dast er sie doch nicht verlasse, sondern ihrrechter Bater sein möge. Aber ach! auch während dem Betenverliest der Hunger die armen Kinder nicht, und die vor Kälteklappernden Zähne wollten oft das Beten hemmen.

Und während zu Hause Weib und Kinder hungerten,froren und beteten, liest mit dem erhaltenen Gelde Dursli ineiner Schenke sich nieder und trank Branntwein. Hatte er einenganzen oder halben Schoppen getrunken, so wollte er auch essen.Dieses Essen warf er oft in sündigem Mutwillen an den Wän-den umher, und seine Kinder hungerten daheim. Und wenn erausgetobt hatte, ging er in eine andere Spelunke und spielteund raufte sich dort. So ging er von einer zur andern, bis derMorgen anbrach. Und daheim sahen die Kinder alle Abendevergebens durch die Fenster nach dem Bater, bis es dunkelwurde drausten, bis es dunkel wurde vor ihren Augen.