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nehmsten Gäste. Drüben im Herrenstiibchen erzählte der Stadt-schreiber dem Bürgermeister, dem Dekan und dem Provisor vondem wackeren Geigerfranz, und draussen sangen der Sandor undder Janos an der Seite des versöhnten Stadtpolizisten ihreschönsten ungarischen Nationallieder, so dass der Strumpfwirker,als er nach Hause kehrte, seiner guten Alten nicht genug indie Ohren schreien konnte, einen so schönen Abend habe erseit fünfzig Jahren, da er in Polen gewandert sei, nicht mehrerlebt. Adolf Kessler.
10. Der Blütenbaum.
Du Blütenbaum in voller Pracht,daran mein Aug’ mit Lust sich weidet,o sag’, wer hat dein Kleid gemachtund dich damit so schön bekleidet?
„Das hat der liebe Gott getan,dass mir das Festgewand nicht fehle.
0 schau’ mich still und staunend an:
Ich bin ein Sinnbild deiner Seele!“
Wilhelm Edelmann.
11. Die Lichtblume.
Leontödon taraxacum.
Es sassen am sonnigen Rainezwei Btiblein in müssiger Ruh’:
Da pflückte ein Lichtlein das eine;das andere schaute ihm zu.
Das erste, es freut sich der Schönheit:
„0, brächt’ ich dies Lichtlein nach Haus!“Das andre, in bübischer Bosheit,bläst ’s Lichtlein ihm freventlich aus.
Da weinte der lockige Kleine,hielt trostlos den Stiel in der Hand;doch siehe, im Sonnenscheineverfliegen die Samen im Land.
Und Blume um Blume erstehetin nie geahnter Pracht;
VIII, Lesebuch.
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