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beobachten. Nämlicli, wie verantwortlich jeder mit seinem Beispielist und wie viele von ihm abhängen. Ich erinnere mich aus meinerSchulzeit, dass ein älterer Schüler in unserer Klasse in kurzer Zeitdie ganze Klasse mit seinen schmutzigen Redensarten angesteckthatte. In jedem Menschen, auch wenn er noch so gut erzogenist, lauert ein kleiner Schmutzfink, der unterhalten sein will —und trotzdem hat jeder daneben ein besseres Ich, das sich schämtund das erste Wort nicht hinauslassen will — aber sowie einerden Anfang macht und die gute Scheu überwindet, dann folgendie andern reissend schnell. Ebenso hat aber auch das gute Bei-spiel eine wunderbare Gewalt. Es wirkt wie ein Zauber. In einerdeutschen Stadt brach einmal im Theater während der VorstellungFeuer aus. Das Publikum stürzte den Ausgängen zu, und die Ge-fahr drohte, dass bei dem wahnsinnigen Drängen Hunderte ge-quetscht und zertreten würden. Da blieb der Grossherzog ruhigauf seinem Platze und befahl, dass die Musik weiterspielen solle.Dies Beispiel wirkte so, dass das Publikum sich sofort wieder be-ruhigte und in grösster Ordnung das Theater verliess. Ihr erinnerteuch auch vielleicht an Ähnliches in eurem Leben. In der Schulehabe ich manchmal beobachtet, wie z. B. eine Gruppe von Bubenzusammensteht, und einer kommt dazu und erzählt eine unan-ständige Geschichte, so erwartet er natürlich, dass alle in Ge-lächter ausbrechen. Geschieht das, so freut er sich und wird dieGeschichte weitertragen. Ist aber auch nur ein einziger darunter,der nicht lacht, sondern ein ernstes Gesicht macht, so wird ihndas sehr verlegen machen und ihn innerlich beschämen und dieandern auch. Vielleicht lassen sie es nicht merken und hänselnden, der nicht lacht, — aber im Innern wirkt es doch. Wer immerdaran denkt, wie viele Menschen ihm in jedem Augenblick anver-traut sind, und wie jeder immer den andern beobachtet, was derwohl sagt oder tut, der kann einen wahrhaft königlichen Einflussin seinem Kreise ausüben. Fr. W Foerster.
35. Taubstumme.
Seid Ihr schon einmal in einer Anstalt für Taubstummegewesen? Wie diesen armen Wesen wohl zu Mute sein muss?Alles Schöne und Zärtliche, was ein Mensch dem andern sagenund was er von ihm hören kann — das gibt’s für sie nicht. Nurauf mühsamen Umwegen verkehren sie mit ihren Mitmenschen —