Buch 
Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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so wie Gefangene, die aus ihrem Kerker Zeichen machen. Ich laseinmal ein Gedicht über taubstumme Kinder, in dem hiess es:

Kommt und seht und ruft erschrocken:

Ach! wie ist ihr Leben bang!

Ihre Kirchen ohne Glocken,

Ihre Lieder ohne Sang.

Die Gedanken ohne Pforte,die Gefühle ohne Worte,und die Stimme ohne Klang!

Ach! wie ist ihr Leben bang!

Wenn ich dies Gedicht lese, so muss ich dabei auch an vieleMenschen denken, die gar nicht taub und gar nicht stumm sindund doch auch ein armes, taubstummes Leben führen, weil sie niegelernt haben, ihre Ohren und ihren Mund wirklich zu gebrauchen.Sie sind immer so mit sich selbst beschäftigt, dass sie überhauptnur hören, wenns etwas für sie selber gibt gehts nur dieandern an, so versagt einfach ihr Gehör. Sie hören ausgezeichnet,wenn zum Essen gerufen wird aber wenn ihre Mutter imGespräche andeutet, dass sie müde sei und Hilfe brauche soüberhören sie das merkwürdig gut. Bläst ihnen jemand einenWunsch ins Ohr wie eine Trompete, so vernehmen sie es wohlaber wenn jemand leise und verschämt bittet, so merken sie esüberhaupt nicht. Dass sie ihre Schwester verletzt oder gekränkthaben, das hören sie wohl, wenn sie laut weint aber wennihre Stimme leis bebt und zittert, weil sie grob mit ihr waren,so spüren sie nichts. Sie streifen im Walde umher, um Nesterauszunehmen und verstehen jeden Ton der Vögel, ob es ein Lockrufoder ein Warnungsruf ist, ob Zorn oder Jubel aber auf Menschen-töne ist ihr Ohr nicht abgestimmt da sind sie einfach taub.Ihr Ohr berichtet ihnen nichts aus der Seele ihrer Mitmenschen;sie lernen nicht, wies denen zu Mute ist, und da wissen sie dennauch nicht, mit ihnen umzugehen und sind hilflos, wie Taube. Mussman nicht auch von ihnen sagen:Ach, wie ist ihr Leben bang!?Habt ihr einmal von jenen Indianern gehört, die ihr Ohr sogeübt haben, dass sie auf weite Entfernung Pferdegetrappel hörenkönnen, wenn sie ihr Ohr an den Boden legen, und dass sie dasNahen eines Menschen aus dem Knistern des Laubes heraushören,lange bevor das Blassgesicht noch irgend etwas spürte? Wirhaben es heute nicht mehr nötig, solche Dinge zu lernen aber

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VIII. Lesebuch.