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es wäre doch recht gut, wenn wir unseren Ohren auch ein paarKunststücke beibrächten. Ich finde, man sollte sich zum Beispielüben, sein Gehör zu schärfen und so fein zu machen, dass manaus dem Ton der Stimme hören kann, was im Herzen unsererMitmenschen vorgeht, ob sie traurig oder erregt, gekränkt oderverstimmt, müde oder gehetzt sind. Das kann man ebenso gutlernen, wie der Indianer seine Kunst gelernt hat. Man muss nurgut aufpassen und sich alles merken — gerade wie ja auch dieSchauspieler sehr eifrig studieren, wie die verschiedenen Gefühledes Herzens mit der Stimme ausgedrückt werden; sonst würdeman ja überhaupt gar keine Schauspiele ausführen können. WennIhr z. B. Theater spielt und einen hochmütigen oder ängstlichenMenschen darstellen wollt, so fragt ihr euch doch auch: Was füreinen Ton bekommt die Stimme, wenn man hochmütig oder bangeist? Der Indianer lernt seine Ohren gebrauchen, um seine Feindezu erlegen oder vor ihnen rechtzeitig davonzulaufen — wir solltenes lernen, um denen, die wir lieben, nicht wehe zu tun oder ihnenlästig zu werden, ohne dass wir es wollen. Ist es nicht ein be-trübender Anblick, so ein Mensch, der so ganz und gar nicht vonselber hören kann, wenn er den anderen stört oder ermüdet,sondern immer erst wartet, bis man ihn mit einem „Donnerwetter“anschreit ?
Beobachtet z. B. einmal ganz genau, wie es ein Mensch macht,wenn ihr etwas sagt, was ihm unangenehm ist und er es nichtmerken lassen will, wenn ihr z. B. über irgend einen Kameraden inGegenwart der anderen etwas Hässliches erzählt oder eine Strafeberichtet, die er in der Schule bekommen hat. „Er schluckt es hinunter,“sagt man in solchen Fällen. Und an seiner Stimme könnt ihr deutlichdas Schlucken hören und merken, dass ihr ihm weh getan habt.Wenn ihr euer Ohr gut geschärft habt, so merkt ihr vielleichtschon, bevor ihr die Geschichte zu Ende erzählt habt, an seinenZwischenbemerkungen, dass es ihm furchtbar peinlich ist und hörtrechtzeitig auf und vertuscht die Sache, während ein Tauber dasgar nicht merkt, sondern mit grossem Halloh auf der Qual desandern herumreitet. Bei solchen Gelegenheiten verliert man oftseine besten Freunde, oder man gewinnt neue, wo man es gar nichtgeahnt hat Gebt z. B. auch einmal darauf acht, wie jemand spricht,wenn man ihm lästig wird durch Fragen oder Bitten, weil er ge-rade etwas anderes zu tun hat oder abgespannt ist. Es gibt nur zuviele Menschen, die da einfach gar nichts merken und erst erschrecken,