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von sich geben will; dann sagen sie: „Er ist ein Schwindler;lasset ihn uns windelweich prügeln.“ Und sie haben recht, dieMenschen. Wer seine edle Gesinnung nicht in Kleingeld umwechselnkann, dessen grosse Taten erregen den Verdacht, auch nicht ganzecht zu sein, und es ist das Beste für ihn, dass er nachts ausdem Fenster steigt und auf und davon geht und erst wiederkommt,wenn er seine Menschenliebe in Kupfermünze bei sich führt.Stellt doch euch einmal vor, ein Mann wäre den Tag ungefälligund grob gegen seine Frau und sagte dann: „Sollte es einmalbei uns brennen oder du beim Kahnfahren ins Wasser fallen —wie gerne würde ich verbrennen oder ertrinken, um dich zu retten.“Oder ein Sohn sagte zu seiner kranken Mutter: „Vorlesen magich dir jetzt nicht — aber wenn der Arzt verlangt, dass ich meinBlut lassen soll, damit es dir zur Kräftigung gegeben wird, gerne,gerne!“ Ja, und es gibt wirklich gar nicht wenige Menschen, diedurchaus fähig sind, Opferwilligkeit so in einem Tausendmarkscheineherzugeben, aber die Selbstverleugnung im Kleinen — an diedenken sie gar nicht, die verstehen sie gar nicht. Und doch! Obunser Leben ein Himmel ist oder eine Hölle, das hängt von dentausend Kleinigkeiten und nicht von dem grossen Feuerwerk derLiebe ab. Wie ein Mädchen morgens hereinkommt, wie es: „GutenMorgen“ sagt, ob es Blumen auf den Tisch gestellt, ob es dieGabe hat, durch zahllose kleine Aufmerksamkeiten und RücksichtenBehagen zu verbreiten, und mit welchem Gesicht es kleine Auf-träge entgegennimmt und erledigt! Und ob eine Mutter Freudean ihrem Knaben hat, das hängt doch davon ab, ob der KnabeDankbarkeit und Zärtlichkeit in kleine, tägliche Rücksichten undZeichen seiner Liebe und Ehrerbietung umwechseln kann oder obes in seinem Herzen ungewechselt sitzen bleibt, wie der Tausend-markschein im Portemonnaie. Fr. W. Foerster.
38. Mut und Wahrhaftigkeit.
Ich habe einmal jemand sagen gehört, wenn die Kriege je-mals aufhörten, dann würde die Feigheit überhandnehmen in derWelt. Es gäbe dann keine Gelegenheit mehr, Mut und Tapferkeitzu beweisen. Ist das richtig? Wenn es nämlich wahr wäre, dannmussten alle Frauen Feiglinge sein; denn, mit Ausnahme der Ama-zonen, haben sie niemals die Schule des Blutvergiessens durch-gemacht. Wer aber wollte das zu behaupten wagen, dass Frauen