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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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nicht tapfer seien? Dass sie Angst hätten, ihr Leben in dieSchanze zu schlagen? Dass sie dem Tode nicht ins Antlitzsehen können? Schmerzen nicht ertragen möchten? Denkt analle die Märtyrerinnen, denkt an die Barmherzigen Schwestern,denkt an jede Mutter, die sich allein für ihre Kinder durch's Lebenschlägt! Auf dem Schlachtfeld von Metz da steht mitten zwischenden Soldatengräbern auch der Grabstein eines englischen Mädchens einer Krankenpflegerin, die sich zum Dienst in einem Lazarettmit schwarzen Blattern gemeldet hatte, als viele Männer beiseitestanden. Wer an die Frauen denkt, der wird wissen, dass Tapfer-keit und Mut auch ausserhalb des Schlachtfeldes wachsen. Ja, werkann sagen, ob die Kriege nicht vielleicht sogar verhindern, dassdie höchste Art von Mut und Heldentum sich entwickelt, nämlichder Mut, der aus der Liebe kommt? Mut ist doch nichts anderesals eine Stimmung, in welcher der Gedanke an Tod, Schmerz undWiderwärtigkeit gar keine Macht über unser Handeln hat. Istnun etwa der Tod durch Pulver oder Blei die entsetzlichste allerLebensgefahren in der Welt? Oder gibt es nicht zahllose andereGefahren für Leben, Gesundheit und Glück des Menschen, die ebenso-viel und oft noch mehr Mut von ihm fordern? Und kann mansich etwa nur aufopfern, um andere zu töten und nicht auch, umandere zu retten? Ist die Liebe nicht eine ebenso grosse Quelledes Mutes, wie der Krieg? Und sind nicht vielleicht die aller-grössten Heldentaten in der Welt aus Liebe geschehen? Und kommteuch da nicht der Gedanke, dass es vielleicht noch mehr Mut inder Welt geben würde, wenn es noch mehr Liebe gäbe, und dassdarum vielleicht gerade die Kriege es verhindern, dass der grössteund dauerhafteste Mut mehr Verbreitung gewinnt? Eben weil dieKriege so viel Liebe töten?

Ich glaube überhaupt, dass die Furchtlosigkeit gegenüberdem körperlichen Schmerz noch gar nicht ein Beweis dafür ist, dassein Mensch wirklichen, echten Mut hat. Dann gibt es viele Men-schen, die ziemlich grobe Nerven haben und keine erregbare Phan-tasie und die daher ziemlich gleichgültig gegen körperliche Gefahrensind wie die meisten Naturvölker. Verdammung, Spott undMissachtung zu ertragen, ein Vergehen oder selbst nur ein kleinesVersehen zu gestehen, ist vielen Menschen schrecklicher als derTod. Darum finde ich, dass der grösste und sicherste Beweis fin-den Mut nicht in der blossen Todesverachtung liegt, sondern inder Überwindung der Menschenfurcht und der Angst vor den Leuten.