Herr Charles.
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„Tue, was du sollst!" sagte etwas in seinem Inwendigen zu ihm.
„Willst dn die armen Kinder um das letzte und einzige bringen,
was sie von ihrer Mntter zu erben haben, um dein Wort, das duihr gegeben hast?" Also kniete er mit den unglücklichen Waisen umden Leichnam herum und betete mit ihnen ein polnisches Vater-unser. „Und führe uns nicht in Versuchung!" Hernach ließ jedesein Händlein voll Schnee zum Abschied und eine Träne auf diekalte Brust der Mutter fallen, nämlich, daß sie ihr gerne die letzte
Pflicht der Beerdigung antun wollten, wenn sie könnten, und daß
sie jetzt verlassene, unglückliche Kinder seien. Hernach fuhr er getrostmit ihnen weiter auf der Straße nach Petersburg; denn es wollteihm nicht eingehen, daß, der ihm die Kindlein anvertraut hatte,könne ihn stecken lassen; und als die große Stadt vor seinen Augensich ausdehnte, wie ein Handerer tut, der auch erst vor dem Torfragt, wo er still halten soll, erkundigte er sich endlich bei denKindern, so gut er sich verständlich machen konnte, wo denn derVetter wohne, und erfuhr von ihnen, so gut er sie verstehen konnte:„Wir wissen'S nicht." — Wie er denn hieße? — „Wir wissen'sauch nicht." — Wie denn ihr eigener Geschlechtsname sei? —„Charles." — Der geneigte Leser will schon wieder etwas merken,und wenn'ö der Hansfrennd für sich zu tun hätte, so wäre der HerrCharles der Vetter. Die Kinder wären versorgt, nud die Erzählunghätte ein Ende. Allein die Wahrheit ist oft sinniger als die Er-dichtung. Nein, der Herr Charles ist der Vetter nicht, sondern diesesNamens ein anderer, und bis auf diese Stunde weiß noch niemand,wie der wahre Vetter eigentlich heißt, nicht ob und wo in Peters-burg er wohnt. Also fuhr der arme Mann in großer Verlegenheitzwei Tage lang in der Stadt herum und hatte Französlein seil.Aber niemand wollte ihn fragen: „Wie teuer das Pärlein?" undder Herr Charles begehrte sie nicht einmal geschenkt und war nochnicht willens, eines zu behalten. Als aber ein Wort das andere gabund ihm der Pole schlicht und menschlich ihr Schicksal und seineNot erzählte: „Eins", dachte er, „will ich ihm abnehmen", und esfüllte sich immer wärmer in seinem Busen; „ich will ihm zwei ab-nehmen!" dachte er, und als sich endlich die Kinder um ihn an-schmiegten, meinend, er sei der Herr Vetter, und anfingen auf fran-zösisch zu weinen — denn der geneigte Leser wird auch schon bemerkthaben, daß die französischen Kinder anders weinen — und als der HerrCharles die Landesart erkannte, da rührte Gott sein Herz an, daßihm ward wie einem Vater, wenn er die eigenen Kinder weinenund klagen sieht, und: „In Gottes Namen!" sagte er, „wenn's soist, so will ich mich nicht entziehen", und nahm die Kinder an.