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Die Schmachschrist.
erlauben, jetzt ins Bett zu gehen. Alle Lichter im Stabilem sindausgelöscht, die Wirtshäuser sind leer, die zwei letzten sind nach Hausgegangen, und des Wagner-Mattheisen Hahn hat zweimal hinterein-ander gekräht; es wird wohl morgen auch wieder einmal regnen/'
— Da fuhr ihn der Amtsschreiber wie ein betrunkener Heide an: ^
Dummes Vieh! auf der Stelle begib dich auf deinen Posten, bisder Tag aufgeht, oder ich schlage dir das Gehirn im Leib entzwei!"sagte er im unvernünftigen Zorn. Der geneigte Leser denkt: „Wasgilt's, während der Stoffel bei dem Amtsschreiber war, ist die drittePasquille auch angepappt worden, und wenn er herabkommt findeter sie jetzt!" — Nichts weniger. Sondern als der Stoffel im Fort-gehen bereits an der Stubentür war und der Amtsschreiber ihm nocheinmal nachsah: „Hansstosfel", rief er ihm, „komm noch ein wenigdaher!" — Der Stoffel kam. „Dreh dich um! Was hast du daauf dem Rücken?" — „Will's Gott, keinen Galgen!" sagte derStoffel. — „Nein, vermaledeiter Dummkopf! aber wahrscheinlich einPasquill!" — Wie gesagt, so erraten; der Stoffel trug das drittePasquill bereits auf den Rücken geklebt, und standen darin noch vielmutwilligere Dinge als in dem ersten und zweiten, und unter andernauch ein Rezept, um Tintenflecken aus den Amtshosen zu bringen.
Dies war so zugegangen. Als der Stoffel noch vor dem Hans ge- *
sessen hatte, kamen zwei lose Gesellen heran, und einer von ihnenhatte schon die dritte Pasquille auf der flachen Hand liegen, also daßdie beschriebene Seite des Papiers gegen die Hand hinein lag; dieäußere Seite aber war mit Teig bestrichen, daß er im Vorbeigehendie Schrift nur an die Türe hätte drücken dürfen. Als sie aber denBedienten des Amtsschreibers vor der Türe sitzen sahen, und alleLeute kannten den Stoffel, aber nicht alle Leute kannte der Stoffel:
„Ei, guten Abend", sagte der eine, „was schafft er Gutes hier, HerrHansstoffel? was gilt's, er kann nicht hinein!" Da erzählte er ihnen,warum er da sitzen müsse und bis wann, und wie ihm bereits dieZeit so lang sei, und es komme doch niemand. „Ei, sagte der eine,
„die Lichter im Städtlein sind ausgelöscht, und die Wirtshäuser sindleer, und wir zwei sind die letzten, die heim gehen. Also gehe er inGottes Namen ins Bett!" - - Der andere aber, der das Papier inder flachen Hand hatte, schlug ihm im Fortgehen sanft und freund-lich die Hand aus den Rücken, daß das Papier am Rocke hängenblieb, und sagte: „Gute Nacht, Herr Hansstoffel, schlaf er wohl!"—„Ebenfalls", sagte der Stoffel, und als sie um die Eck' herumwaren, krähte einer von ihnen wie ein Hahn, oder wie der russischeGeneral-Feldmarschall Suwarow Fürst Jtalinsky im Lager. Alsobrachte der Stoffel dem Amtsschreiber. die Pasquille selber auf dem