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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Die kluge Hausfrau.

setzen, sich dabei zu erhalten. Ohne eine angeborene Heiterkeit desGemütes hätte sie alle Anlagen zum strengen Geize gehabt.

Margaret», so will ich meinen sorglichen Hausgeist nennen, warmit ihrem Manne sehr unzufrieden, wenn er die großen Zahlungen,die er manchmal für aufgekaufte Fonrage von Fuhrleuten und Unter-nehmern erhielt, ausgezählt, wie sie waren, eine Zeitlang auf demTische liegen ließ, das Geld alsdann in Körbchen einstrich und darauswieder ausgab und auszahlte, ohne Pakete gemacht zu haben, ohneRechnung zu führe». Verschiedene ihrer Erinnerungen waren frucht-los, und sie sah wohl ein, daß, wenn er auch nicht verschwendete,manches in einer solchen Unordnung verschleudert werden müsse. DerWunsch, ihn auf bessere Wege zu leite», war so groß bei ihr, derVerdruß, zu sehen, daß manches, was sie im kleinen erwarb und zu-sammenhielt, im großen wieder vernachlässigt wurde uud auseinanderfloß, war so lebhaft, daß sie sich zu einem gefährlichen Versuch be-wogen fühlte, wodurch sie ihm über diese Lebensweise die Augen zuöffnen gedachte. Sie nahm sich vor, ihm so viel Geld als möglichaus den Händen zu spielen, und zwar bediente sie sich dazu einersonderbaren List. Sie hatte bemerkt, daß er das Geld, das einmalauf dem Tische aufgezählt war, wenn es eine Zeitlang gelegenhatte, nicht wieder nachzählte, ehe er es aufhob; sie bestrich daherden Boden eines Leuchters mit Talg und setzte ihn mit einem Scheinvon Ungeschicklichkeit auf die Stelle, wo die Dukaten lagen, eineGeldsorte, der sie eine besondere Freundschaft gewidmet hatte. Sieerhäschte ein Stück und nebenbei einige kleine Münzsorten und warmit ihrem ersten Fischfänge wohl zufrieden; sie wiederholte dieseOperation mehrmals, und ob sie sich gleich über ein solches Mittelzu einem guten Zwecke kein Gewissen machte, so beruhigte sie sichdoch über jeden Zweifel vorzüglich dadurch, daß diese Art der Ent-wendung für keinen Diebstahl angesehen werden könne, weil sie dasGeld nicht mit den Händen weggenommen habe. So vermehrte sichnach und nach ihr heimlicher Schatz und zwar um desto reichlicher,als sie alles, was bei der innern Wirtschaft von barem Gelde ihrin die Hände floß, auf das strengste zusammenhielt.

Schon war sie beinahe ein ganzes Jahr ihrem Plane treu ge-blieben und hatte indessen ihren Mann sorgfältig beobachtet, ohneeine Veränderung in seinem Humor zu spüren, bis er endlich auseinmal höchst übler Laune ward. Sie suchte ihm die Ursache dieserVeränderung abzuschmeicheln und erfuhr bald, daß er in großer Ver-legenheit sei. Es hätten ihm nach der letzten Zahlung, die er anden Lieferanten getan, seine Pachtgelder übrig bleiben sollen; siefehlten aber nicht allein völlig, sondern er habe sogar die Leute nicht