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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Die Gasse der Frömmigkeit. Käthi, die Großmutter.

gleich von solchem Jähzorn entflammt, daß er seinen Degen zog unddem Knaben den Todesstoß versetzte. Kanin war die unsinnige Tatgeschehen, als der Mörder von Angst und Entsetzen überfallen ward;mit der Klinge in der Hand, die noch vom Blute rauchte, sprang erin das nächste Hans, dessen Pforte eben offen stand, eilte die Stiegehinauf, fand die Frau des Hauses, warf sich ihr zu Füßen undbeschwor sie um der Liebe Gottes, ihm einen Zufluchtsort zu gönnen,wo er sich verbergen könnte. Obwohl von Entsetzen dnrchschauert,gewährte sie seine Bitte; aber während sie einen solchen Ort ihmzeigte, waren auch die GerichtSdiener, dem Täter nachspähend, insHaus gekommen. Die Matrone, da sie durch ihr Versprechen ge-bunden zu sein meinte, beantwortete ihre Fragen nicht; sie überreichteihnen alle Schlüssel und sprach:Es steht euch frei zu suchen; sehetselber!" Da sie aber, nach vergeblichem Suchen, wieder das Hausverließe», rief einer von ihnen:Diese gute Dame scheint nicht zuwissen, daß es ihr eigener Sohn ist, welcher ermordet worden, sonstwäre sie die erste gewesen, die den Mörder uns ausgeliefert hätte,statt ihn zu bergen." Die unglückliche Mutter hörte das; derSchauer des Entsetzens rüttelte ihre Glieder. Sie verschloß sich inein einsames Zimmer; da warf sie sich auf ihre Knie; ihr Auge fingan zu Gott zu tränen; bald wieder durch die Gnade, die in reichemMaße ihr gegeben ivar, gestärkt, brachte sie die herbe Kränkung demHerrn als ein Opfer dar und gelobte zur Ehre des göttlichen Gesetzesund des Evangeliums, nicht allein dem Mörder gänzlich zu verzeihe»,sondern auch, zum Zeichen dieser herzlichen Vergebung, ihn, statt desGetöteten, zum Sohne anzunehmen. Und sie verwendete für ihn soviele Bitten und brachte so namhafte Opfer für das gemeine Beste,daß die ZUchter um ihretwillen dem Verbrecher die Freiheit beließen,an welchem sie auch, was sie gelobt, ins Werk gesetzt hat.

29. Käthi, die Großmutter.

Von Jeremias Gotthelf.

-Die Tage wurden kürzer; wer nicht mit den Hühnern

zu Bette wollte, mußte die Lampe hervorsuchen. In andern Jahrenhatte Käthi Oel gehabt von ihrem Flachssamen; ach, und wie branntedas eigene Oel so schön und hell; solches kriegte sie nie beim Krämer,wie teuer es auch war! Dieses Jahr hatte Käthi keinen Flachssamen,mußte zum Krämer gehen. Fleißige Weiber tun solche Gänge gegenAbend. Das Restchen Sonnenlicht reicht nicht zur Arbeit, ist abervollkommen genügend zu einem kurzen Gange auf gewohntem Wege.