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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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71
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Käthi, die Großmutter.

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weinen »nd wußte, wie lange sie weinte; sie wußte es nicht. Nebenihr war IvhanneSli eingeschlafen, das Lämpchen erloschen; sie hattees nicht bemerkt. Allgemach rieselte es ihr kalt durch die Glieder;ein kühler Wind weckte sie aus ihrem Weinen und Sinnen. TiefeNacht war ringsum, kein Ächt flimmerte mehr ini Dorfe, in tiefemSchlafe schien alles Leben begraben; aber klar glänzten am dunkelnHimmel die Sterne. Es kam Käthi wunderbar ins Herz. Es wardihr, als sei sie mit Gott allein, und nicht im engen Kämmerlein,sondern in seiner unendlichen Weltenkammer, und er öffne ihr alleGeheimnisse der Natur und zeige ihr alle Geschöpfe, die da in denWassern sind und in der Erde kriechen, unter dem Himmel fliege»und rennen, für welche er sorge tagtäglich; und er rolle vor ihr dieJahrtausende auf und zeige ihr, wie er mit väterlicher Hand allesgeleitet bis auf diesen Tag, und der Zufall nichts gemacht habe,weder Regen noch Dürre, weder Laub noch Gras, weder Gesundheitnoch Krankheit, weder fruchtbare noch unfruchtbare Jahre. Und alser ihr alles gezeigt habe, da nehme er Käthi ihr Herz aus der Brust,falte es auseinander, weit, weit, und suche darin und sehe Käthi an,als ob er fragen wolle:Käthi, und wo ist dein Vertrauen?" Daward es ihr heiß, und ihr Kopf brannte ihr, und ihre siebenzig Jahrestanden vor ihr, und in jedem Jahre sah sie Gottes Hand mächtigüber sich, sah sich sichtbnrlich so manchmal von Gott gerettet, und trotz-dem kein Vertrauen, und wie sie doch bei jeder neuen Drangsal diealte Hilfe vergessen, in der neuen Not gewimmert habe, als wäre esdie erste, und wüßte sie von keinem Helfer. Jetzt sei wieder so eineNot da, eine nie erlebte zwar, aber jede Not sei einmal zuerst ge-wesen, und über jede Not sei der alte Gott mächtig gewesen, warumsollte er es nicht auch über diese sein? Siebenzig Jahre sei sie altund so nahe der letzten Not, welche über jeden Menschen auch nureinmal komme; wie es ihr dann ergehen werde, wenn da auch keinVertrauen sei, der Herr ihr Herz auseinander falte und sie ansehe,fragend:Käthi, und das Vertrauen?" Käthi kam sich vor wie eineder fünf törichte» Jungfrauen, welche kein Oel in ihren Lampenhatten, als der Bräutigam käm. Sie weinte, daß die Ergebung nichtbei ihr einkehren wolle, welche mit Hiob sage:Der Herr hat's ge-geben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt";das Zagen nicht aufhören, das Beten nicht kommen «volle:Vater,nicht wie ich will, sondern wie du willst."

Als Käthi so weinte, ward es ihr nach und nach Heller imGemüt; es schien ihr, Gott vergebe ihr das Wanken, weil es dochkein Abfall sei und sie sich aufrichte und ihn zu ergreifen suche, undweil sie das könne, sei sie doch unendlich viel besser daran ohne Erd-