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Aus dem Berneroberlandc.
Leidenschaft, nur mit sich in diesen Anfangsgründen der Schöpfungzu leben, nichts zu hören als das Geschrei des Adlers, das Pfeifender Gemse und den Sturz ferner Lawinen, nichts zu denken alsden ewigen Himmel über sich und die kurze Spanne der Zeit — werhat schon in der Einsamkeit der höchsten Gebirge gewandelt und nichtähnliche Empfindungen gehabt und hätte nicht seine beste Habedarum gegeben, jene Gemütsstimmung, den hohen Seelenfrieden unddas klare Gefühl seines besseren Selbsts für immer bleibend erhaltenzu können! Und warum sollten nicht große Ahnungen dieser Artauch in die Seele des Jägers kommen können, der gesund an Körperund Geist unter diesen Trümmern der Urwelt weilt? Muß dennalles aus dem Eigennutz erklärt werden, und wiegt wohl der elendeGewinn von einer wilden Ziege die Kühnheit, so ihr Jagen er-fordert, aus?
Des andern Morgens besuchten wir den obern und großemGletscher, der eine Stunde von dem Wirtshaus entfernt ist. Auchdieser ist seit einigen Jahren stark zurückgewichen, und die Stein-haufen, die er am Platz gelassen, machen den Zugang beschwerlich.Er ist viel breiter als der untere, aber seine Eiszacken sind nicht sohoch und haben nicht die grünbläuliche Farbe. Auch hier konnte ichmich von der Idee eines gefrorenen Flusses nicht losmachen; es warmir, als ich am Fuße desselben stand und emporsah, als wenn einRheinfall von Eis auf mich herabstürzen wollte. So groß auch dieSonnenhitze in dem Tale sein mag, so haben doch diese Gletscherbeständig eine kalte Winterluft um sich, die eine» oft gar »»lieblichanweht, die uns auch nebst dem abschreckenden Krachen und denLöchern und Spalten des Eises verhinderte, weiter auf demselbenfortzugehen, welches hier mit wenig Gefahr verbunden sein soll. DieSpalten sind jedoch so groß, daß der Führer beinahe aufrecht ineine derselben hineingehen und in beträchtlicher Entfernung bei einerandern wieder herauskommen konnte.
Ungern verließen wir dieses auch durch den fröhlichen Charakterseiner Einwohner merkwürdige Grindelwaldtal und hielten, bevor wirwieder in das düstere Lütschenental einfuhren, noch einmal stille, umdie majestätischen Berge und die Eislavaströme bleibend ins Ge-dächtnis zu fassen. Asnms sagt, der Winter habe ein Sommerhausim Schweizerlande; hier ist es, und die Gletscher im Tale sind dieuntersten Treppen dazu.