Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
142
JPEG-Download
 

142

Briefe aus Rom.

man nichts. Lerne auch Du fleißig die Mythologie, die alte Geschichte,die alten Sprachen, und vernachlässige ja nicht das Zeichnen! Wennich zeichnen könnte, dünkte ich mich in dieser hohen Göttergesellschaftnoch einmal so viel; nun gehe ich wie ein Stummer umher, weildiese Dinge sich nicht durch Worte, sondern durch Linien und Formenallein ausdrücken lassen. Aber dennoch sind auch mir diese hohenGestalten sehr lieb und wert; unter Göttern gewinnt man die Menschenlieber; man lernt, was in menschlichen Formen und Charakterenalles verborgen sei, und wird gar rein und vornehm, wenn manunter diesen Anschauungen lebt. So habe ich aus den Dichtern mehrPhilosophie gelernt als aus den Philosophen, und weil Du DeinesGewerbes ein Philosoph werden willst, mußt du ja die alten Sprachenund Zeichnen lernen; da kannst Du dann Dichter lesen und Kunst-werke sehen und ein exzellenter Philosoph werden. Lebe wohl, lieberJunge! Dein Urältervater, der Kaiser Augustus, glorwürdigen An-denkens, zeigt sich hier oft, nackt und bekleidet, als Held, Konsularund Oberpriester. Er hat aber nicht hinter der Kirche zu Weimar,sondern auf dem palatinischen Berge in einem großen Hause vonschöner Aussicht gewohnt, das allen Kaiserpalästen den Ursprung ge-geben. Lebe wohl!

m.

Herder an seinen Sohn Adrkbert.

Dir, mein lieber Adelbert, will ich einen Brief von lauter Tierenschreiben! Nicht damit Du immer von Ochsen und Kühen sprechensollst, sondern weil Du so gern davon sprichst; ich weiß doch, daßDu dabei auch andere Dinge gern siehest und andere Sachen lernest.

Als ich nach Italien kam und sah, wie sich die Tiere ver-änderten, dachte ich manchmal:Was würde Adelbert, wenn er hierwäre, sagen?" Der würde schreien:Vater, da ist eine ganzeHerde schwarzer Schweine und exzellente kleine Schweinchen, so glatteFerkel, als ob sie geputzt wären!" Oder:Ach, da hat sich eingroßer Ochs losgerissen, alle römischen Jungen laufen ihm nach; wasdas für die unnützen, müßigen, zerrissenen und zerlumpten Jungenfür ein Fest ist!" Oder:Was die Schafe da für seltsame,lange, struppichte Wolle haben!" u. s. f. Aber von diesem allem willich Dich jetzt nicht unterhalten, sondern von ehernen oder steinernenTieren. Da sitzt oben auf dem Kapitol der Kaiser Antvnin zuPferde und sieht nicht nur prächtig, sondern auch gütig aus. Er warein sehr guter Kaiser, und ich gehe nie seine Statue vorüber, ohnedaß ich mich darüber freue, daß er da steht, und den Römern einmal