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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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171
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Aus der Belagerung von Antwerpen.

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Segeln hindurchzuziehen; dabei war die Verwirrung der Truppen indiesen ersten Augenblicken so groß und allgemein, daß es unmöglichgewesen wäre, Befehle auszuteilen und zu befolgen, da viele Korpsihre Befehlshaber, viele Befehlshaber ihre Korps vermißten und selbstder Posten, wo man gestanden, in dem allgemeinen Ruin kaum mehrzu erkennen war. Dazu kam, daß alle Schanzen am Ufer im Wasserstanden, daß mehrere Kanonen versenkt, daß die Lunten feucht, daßdie Pulvervorräte vom Wasser zu Grunde gerichtet waren. Welch einMoment für die Feinde, wenn sie es verstanden hätten, ihn zu benutzen!

Kaum wird man es dem Geschichtschreiber glauben, daß dieserüber alle Erwartung gelungene Erfolg bloß darum für Antwerpenverloren ging, weil man nichts davon wußte. Zwar schickteSt. Aldegonde, sobald man den Knall des Vnlkans in der Stadt ver-nommen hatte, mehrere Galeeren gegen die Brücke aus mit demBefehl, Feuerkugeln und brennende Pfeile steigen zu lassen, sobaldsie glücklich hindurch passiert sein wurden, und dann mit dieser Nach-richt geraden Wegs nach Lillo weiter zu segeln, um die seeländischeHilfsflotte unverzüglich in Bewegung zu bringen. Zugleich wurde derAdmiral von Antwerpen beordert, auf jenes gegebene Zeichen sogleichmit den Schiffen aufzubrechen und in der ersten Verwirrung den- Feind anzugreifen. Aber obgleich den auf Kundschaft ansgesandtenSchiffern eine ansehnliche Belohnung versprochen worden, so wagtensie sich doch nicht in die Nähe des Feindes, sondern kehrten nn-verrichteter Sache zurück mit der Botschaft, daß die Schiffbrücke un-versehrt und das Feuerschiff ohne Wirkung geblieben sei. Auch nocham folgenden Tage wurden keine bessern Anstalten gemacht, denwahren Zustand der Brücke in Erfahrung zu bringen, und da mandie Flotte bei Lillo, des günstigsten Windes ungeachtet, gar keine Be-wegungen machen sah, so bestärkte man sich in der Vermutung, daßdie Brander nichts ausgerichtet hätten. Niemand fiel eS ein, daß ebendiese Untätigkeit der Bundesgenossen, welche die Antwerper irre führte,auch die Seeländer bei Lillo zurückhalten könnte, wie es sich auch inder Tat verhielt. Einer so ungeheuren Inkonsequenz konnte sich nureine Regierung schuldig machen, die ohne alles Ansehen und alleSelbständigkeit Rat bei der Menge holte, über welche sie herrschensollte. Je untätiger man sich indessen gegen den Feind verhielt, destoheftiger ließ man seine Wut gegen Gianibelli aus, den der rasendePöbel in Stücke reißen wollte. Zwei Tage schwebte dieser Künstlerin der augenscheinlichsten Lebensgefahr, bis endlich am dritten Morgenein Bote von Lillo, der unter der Brücke hindurchgeschwommen, vonder wirklichen Zerstörung der Brücke, zugleich aber auch von dervölligen Wiederherstellung derselben bestimmten Bericht abstattete.