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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Aus Homers Odyssee.

An die mächtige Säule für ihn in die Mitte der Gäste,

Hängte darauf an den Pflock die hell erklingende LauteUeber dem Haupte des Sängers und führte die Hand, sie zu fassen.Vor ihn stellte sodann er den prächtigen Tisch und den Brotkorb70 Und den Becher mit Wein, nach Herzensverlangen zu trinken.

Als nun die Speisen bereitet, da langten sie zu mit den Händen.Aber nachdem an Speis' und Trank das Verlangen gestillt war,

Trieb die Muse den Sänger, den Preis der Helden zu singen.

Aus dem Liede, des Ruhm schon bis zum Himmel gedrungen,

75 Sang er den Streit des Peliden Achilleus und des Odysscus,

Wie beim festlichen Opfermahl sie einst sich entzweitenMit zornmütigem Wort; doch der Völkerfürst AgamemnonFreut' im Herzen sich über den Streit der besten Achäer;

Denn als Zeichen verkündete dies ihm Phöbos Apollon80 Im hochheiligen Pytho, da einst er die steinerne Schwelle

Fragend betrat; denn es nahte znr Zeit der Anfang des UnheilsTroern und Danaern schon nach Zeus', des Gewaltigen, Ratschluß.Also des Sängers Lied, des gefeierten. Aber OdysfeusGriff mit der kräftigen Hand in die Falten des purpurnen Mantels,85 Zog ihn über das Haupt und verhüllte das herrliche AntlitzVor den Phäaken aus Scheu, die fließenden Tränen zu zeigen.

Aber nachdem das Lied der göttliche Sänger beendet,

Trocknet' er ab die Tränen und zog den Mantel vom Haupte,

Nahm den Doppclpokal und brachte den Göttern die Spende.

90 Als der Sänger dann wieder begann denn die edlen PhäakenBaten um neuen Gesang; sie hörten mit Lust die Geschichten

Da verhüllte sich wieder das Haupt mit Senszen Odysseus.

Aber es blieben den andern verborgen die rinnenden Tränen,

Nur Alkinoos merkt' es, ihn aufmerksamer betrachtend,

95 Da er neben ihm saß, und hörte die schmerzlichen Seufzer.

Zu den Phäaken geschwind, den ruderliebenden, sprach er:

Höret mich an, ihr Fürsten und Herrscher im Volk der Phäaken!Da wir nach Herzenslust uns gesättigt am prächtigen SchmauseUnd am Klänge der Laute, des festlichen Mahles Genossin,

100 Wollen hinaus wir gehn und uns versuchen im WettkampfJeglicher Art, daß es hier der Fremdling den Seinen erzähle,

Wenn in die Heimat er kommt, wie wir die andern besiegenIn dem Kampf mit der Faust und im Ringen, im Sprung und im Wett-Also sprach er und ging voran, und die anderen folgten, slaus."105 Und der Herold hängt' an den Pflock die klingende Laute,

Nahm Demodokos' Hand und führt' ihn aus dem Gemache,

Ging mit ihm den nämlichen Weg, den die edlen PhäakenAll die anderen gingen, die Spiele bewundernd zu schauen.

Und sie kamen zum Platz, und es folgt' in dichtem Gedränge110 Zahllos Volk. Es erhob sich die Schar der stattlichen Jugend.

Hier mit Akroneos stand Okyalos auf und Elatrens,