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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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287
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Die Löweiibraut. Der Stieglitz.

287

5. O wär' ich das Kind noch und bliebe bei dir,Mein starkes, getreues, mein redliches Tier!

Ich aber muß folgen, sie taten's mir an,

Hinaus in die Fremde dem fremden Alaun.

6. Es fiel ihm ein, daß schön ich sei,

Ich wurde gefreiet, es ist nun vorbei;

Der Kranz im Haare, mein guter Gesell,

Und nicht vor Tränen die Blicke mehr hell.

7. Verstehst du mich ganz? Schaust grimmig dazu;Ich bin ja gefaßt, sei ruhig auch du!

Dort seh' ich ihn kommen, dem folgen ich muß,

So geb' ich denn, Freund, dir den letzten Kuß!"

8. Und wie ihn die Lippe des Mädchens berührt,

Da hat malt den Zwinger erzittern gespürt.

Und wie er am Gitter den Jüngling erschaut,

Erfaßt Entsetzen die bangende Braut.

9. Er stellt an die Tür sich des Zwingers zur Wacht,Er schwinget den Schweif, er brüllet mit Macht;

Sie, flehend, gebietend und drohend begehrtHinaus, er im Zorn den Ansgang wehrt.

10. Und draußen erhebt sich verworren Geschrei;

Der Jüngling ruft:Bringt Waffen herbei!

Ich schieß ihn nieder, ich treff' ihn gut!"

Auf brüllt der Gereizte, schäumend vor Wut.

11. Die Unselige wagt's, sich der Türe zu nahu,

Da fällt er, verwandelt, die Herrin an;

Die schöne Gestalt, ein gräßlicher Raub,

Liegt blutig, zerrissen, entstellt in dem Staub.

12. Und wie er vergossen das teure Blut,

Er legt sich zur Leiche mit finsterem Mut;

Er liegt so versunken in Trauer und Schmerz,

Bis tödlich die Kugel ihn trifft in das Herz.

119. Der Stieglitz.

Von Friedrich Kind.

Wenn ich so auf mein Leben schau', Und Morgenrot und AbendtauErwägend, wie's doch sei gekommen, Mir mehr als Rang und MammonDaß Waldesgrün und Himmelsblau frommen,