Der Stieglitz. — Sommernacht.
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Purrt' alles auf zum Bergeshaug,
Wie wohl, wen» deine Hand esscheucht,
Das Spatzeuvolk vom Futter fleugt.
Der Stieglitz nur blieb still zurück,
Erhob zum Herrn gar trüb den Blick,
Reckt' aus das Hiilslein und die Zehn,
In jede leere Scherb' zu sehn,
Und sprach: „Ja, die sind grünund blau,
Ich armes Tier ganz aschengrau!
So viel, als not zu meiner Zier,
Wär' wohl noch in den Töpfen hier!
Schau, Herr! hier ist noch Not imTopf" —
(Gleich gab ihm Gott ein' Klecksauf'n Kopf)
„Hier gibt's noch etwas Weiß vomSchwan" —
(Gleich strich's ihm Gott am Flügelan)
„Auch was Zitrongelb ist nochhier!" —
„Du Bettler, nun, so nimm es dir." —
„Da gibt's auch Ruß noch, schwarzwie Nacht,
Womit du Raben hast gemacht!" —„Du uärr'scher Kerl", spricht Gottund lacht,
„Nun, wenn du mußt von allem han,So kleb' ich dir auch das noch an!"So, Kleiner, hat der liebe Gott —'s ist wirklich wahr, kein Weidmanns-spott —
Mit Färb' den Stieglitz aufgefrischt,An ihm die Pinsel ausgewischt.Drum denk' ich jeden Morgen dran:Bin ich gleich nur ein armer Mann,Bin zu gering selbst für den Spittel,Sink' ich nur schlecht und recht insGrab" -
Hier zog er fromm sein Käppleinab —
„So zieht mir Gott dort für denKittel
Er hat's dem Stieglitz ja getan —Wohl auch das Kleid der Ehre»an."
1SV. Sommernacht.
Von Gottfried Keller.
1. Es wallt das Korn weit in die
Runde
Und wie ein Meer dehnt es sich aus;Doch liegt auf seinem stillen GrundeNicht Seegewürm noch andrer Graus;Da träumen Blumen nur von KränzenUnd trinken der Gestirne Schein.
O goldnes Meer, dein friedlich GlänzenSaugt meine Seele gierig ein!
2. In meiner Heimat grünen Talen,Da herrscht ein alter schöner Brauch;Wann hell die Sommersterne strahlen,Der Glühwurm schimmert durch den
Strauch,
Dann geht ein Flüstern und einWinken,
Das sich den» Aehrenfelde naht,
Da geht ein nächtlich SilbcrblinkenVon Sicheln durch die goldne Saat.
3. Das sind die Bursche, jung undwacker,
Die sammeln sich im Feld zuhanfUnd suchen den gereiften AckerDer Witwe oder Waise auf,
Die keines Vaters, keiner BrüderUnd keines Knechtes Hülfe weih —Ihr schneiden sie den Segen nieder;Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.
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«Schlold, Lesebuch I.