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115. Auf der Thingstätte.
(Aus der Erzählung: „Der Müller von Sempach“.)
tjj|j^ine Missetat beschäftigte eben wieder die Sempacher äusserstlebhaft, und die ganze Bürgerschaft wollte nach alter Sitte
an der Verurteilung des Schuldigen teilnehmen.
Unter der grossen Linde vor dein Surseer Tor errichteten siehinter dem hohen Steintisch, der aus alter Zeit stammte, ein Gerüsteund ringsherum tannene Sitzbänke. Am Morgen des festgesetztenTages sammelten sich dort allmählich die Männer, und zuletzt erschiender Sc.hultheiss mit dem Stadtweibel, der in einen faltenreichen Mantelaus rotem und gelbem Tuche gehüllt war; würdevoll und feierlichbewegte sich der Schultheiss zu der für ihn bestimmten Stelle hinund legte das Schwert, das Sinnbild seiner Macht, langsam auf dieSteinplatte nieder. Um ihn reihten sich die Mitglieder des Rates undringsherum die Volksmenge. Eine feierliche Stille trat ein.
Da erhob sich der Schultheiss und begann, mit weithin schal-lender Stimme zu sprechen: „Wir sind zusammengekommen, umGericht zu halten. Ich beauftrage und verpflichte den Zöllner Othmar,den Bäcker Eeinbold und den Goldschmied Eberhard, zu erkundenund zu verkünden, oh es die rechte Tageszeit sei oder nicht“. Diedrei Gerufenen gingen augenblicklich aus dem Ring und beobachtetenden Stand der Sonne, und nach ihrer Rückkehr eröffnete Othmar denBefund: „Bei unsern Eiden sagen wir: Es ist die rechte Tageszeit;denn ein Drittel des Tages ist vergangen“.
„Nun denn“, sprach der Schultheiss, „so gehen wir vor in Kraftdes kaiserlichen Rechtes. Ist der Angeklagte mit geziemender Ladungvorgerufen“? — Der Weibel antwortete: „Ich habe den IIelmbrechtvon Wartensee 1 2 dreimal zu Haus und Hof zum Thingtage vorgerufen s ,weil ich ihn nicht zu einem Male von Mund zu Mund vorladenkonnte“.
„So erfolge nun die Klage“! befahl der Schultheiss. „Da derBeschädigte wegen noch dauernden Leibesgebrestens und geringenAlters nicht selber da ist, so mag seine Sippe für ihn sprechen odereinen Fürsprecher bestellen. Und was an leblosen Zeugen, seien esWaffen, Kleider oder was immer vorhanden ist, das darf zur Bestä-tigung der Klage in den Ring getragen werden“.
Sogleich trat Engeltrud a hervor, ging schüchtern zur Linde hin,
1 Wartensee war eine Burg am Südende des Sempackersees.
2 Er hatte dem von Haus und Hof Abwesenden die Vorladung dreimal aus-gerichtet.
8 Die Frau des Müllers Kuno in Sempach.
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