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139- Der Grenzlauf.
Auf dem Klausenpass erstreckt sich das Urnergebiet dem Fätsch-bache entlang über die Bergscheide hinaus und in Glarus hinüber.Einst stritten die Urner mit den Glarnern bitter um ihre Landes-grenze und beleidigten und schädigten einander täglich.
Da ward von den Biedermännern der Ausspruch getan: ZurTag- und Nachtgleiche soll von jedem Teil frühmorgens, sobald derHahn kräht, ein rüstiger, kundiger Felsgänger von dem Hauptortdes Landes aus nach dem jenseitigen Gebiet laufen, und da, wosich beide Männer begegnen, soll die Grenzscheide festgesetztbleiben. Am bestimmten Tage sollen Urner in Glarus und Glarnerin Altdorf darüber wachen, dass alles recht zugehe.
Die Leute wurden gewählt, und man dachte an jedem Ortebesonders darauf, einen solchen Hahn zu halten, der sich nicht ver-schlafe, sondern die Morgenstunde auf das allerfrüheste ankündige.Die Urner setzten ihren Hahn in einen Korb und gaben ihm spar-sam zu essen und zu trinken, weil sie glaubten, Hunger und Durstwürden ihn früher wecken. Die Glarner dagegen fütterten undmästeten ihren Hahn, damit er freudig und hoffärtig den Morgenbegrüssen könne, und dachten, damit am besten zu fahren.
Als nun der Herbst kam und der bestimmte Tag erschien, dageschah es, dass zu Altdorf der schmachtende Hahn zuerst krähte,als es kaum dämmerte, und froh brach der Urner Felsenklimmerauf, der Marke zulaufend.
Allein im Linthtal drüben stand schon die volle Morgenröte amHimmel; die Sterne waren verblichen, und der fette Hahn in Glarusschlief noch in guter Ruh. Traurig umgab ihn die ganze Gemeinde ;aber es galt die Redlichkeit, und keiner wagt’ es, ihn aufzuwecken.Endlich schwang er die Flügel und krähte.
Aber dem Glarner Läufer wird’s schwer sein, dem Urner denVorsprung wieder abzugewinnen! Er schwang die Fersen das dreiStunden lange Tal hinein und dann die stotzige Halde hinan; erlief sich fast das Herz aus dem Leibe. Aber o weh! Kaum warer ein Stück weit gestiegen, da sah er oben am Grate einen Mannschreiten und schon bergabwärts niederkommen; aber der Glarnerstrengte die letzte Kraft an und wollte seinem Volke vorn Landenoch soviel als möglich retten. Bald stiessen die Männer aufein-ander, und der von Uri rief: «Hier ist die Grenze»! «Nachbar»,sprach betrübt der von Glarus, « sei gerecht und gib mir noch einStück von dem Weidland, das du errungen hast» ! Doch der Urner
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