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Soeben haben wir ein heftiges Gewitter, und der Donner rolltmit mächtigem Echo von Berg zu Berg. Doch zwischendurch lachtschon wieder die Sonne, und ich glaube, es gibt noch einen schönenAbend. Wir hatten auch sehr heiss; doch weil wir den See ganznahe haben, gehe ich fleissig baden. Des Morgens fällt schon einstarker Tau, und am Abend ist es kühl bei prächtigem Sternen-himmel.
Ich habe Sie immer einmal erwartet, Ihnen meine liebsten Plätz-chen zu zeigen; hoffentlich kommen Sie dann im Herbst, wenn dieTrauben süss sind. Meiner Schwester geht es ordentlich, und ichwerde nächste Woche wieder in die Schule kommen.
Ich grüsse Sie und alle meine Mitschülerinnen freundlich undbleibe
Ihre ergebene
Lina P.
248. Aus den Ferien.
Meine Liehen!
16 Dass ich hier in Neuhausen glücklich angekommen und freund-lich aufgenommen worden bin, habe ich Euch schon mitgeteilt. Seit-dem sind nun zwei Wochen verflossen, und bald muss ich wieder andie Rückkehr denken. Glaubt nicht, die Heimkehr wäre mir zuwider;ich freue mich im Gegenteil herzlich darauf, recht bald wieder20 bei Euch zu sein. Aber auch hier auf dem Landgut unseres Onkelsgefällt es mir so gut, dass ich nicht eine Minute Langweile empfinde.Wie sollte ich auch! Gibt es doch so viel Neues und Interessanteszu sehen, so viel Merkwürdiges zu beobachten, dass ich oft wünsche,mehr als nur fünf Sinne zu besitzen. Hie und da helfe ich bei den25 ländlichen Arbeiten mit, wobei ich mich nicht selten sehr linkischbenehme, indem ich die mannigfaltigen Geräte nicht richtig anfasse.
Allein ich werde deshalb niemals ausgelacht, nicht einmal vonKnechten und Mägden, und mancher vornehme Städter, der die Land-leute bespöttelt, könnte sich da eine Lehre nehmen.
30 Mit dem beigelegten Bilde hat mir die gute Tante gestern einegrosse Freude bereitet. Es ist nämlich letzte Woche ein Maler inunsere Gegend gekommen, der mit seinem photographischen ApparatLandschaften, ländliche Szenen, Baumgruppen usw. aufnimmt, um siedann künstlerisch auszuführen. Ohne dass wir’s wussten und eine35 Ahnung davon hatten, unterhandelte die Tante mit ihm. So kames denn, dass der Künstler uns drei: Konrad, Klara und mich, unbe-