Band 
Band I.
Seite
371
JPEG-Download
 

371

2Z4- Ein Sohn sendet aus der Fremde Bericht an

seine Eltern.

Wien, den.

Innigst geliebte Eltern!

Sechs Monate sind bereits verflossen, seit Ihr die letzte Nach-richt von mir erhalten habet. Ich kann mir leicht vorstellen, dassIhr deswegen in Sorgen gewesen seid, weil ich bei meiner Ab- 5reise versprach, wenigstens vierteljährlich einmal zu schreiben undEuch meinen Aufenthaltsort anzuzeigen. Gerne würde ich Euch dieseSorgen erspart haben, wenn ich nur das Glück gehabt hätte, Arbeitzu finden; allein ich war gezwungen, meinen Wanderstab immerweiter zu setzen, bis ich einen bleibenden Sitz erhalten konnte. 10

In Dresden hielt mich zwar Krankheit einige Tage fest; ichmochte Euch aber damals keine Nachricht davon geben, um Euchnicht zu beunruhigen. Kaum genesen, setzte ich meine Reise fort.

Es ging jedoch etwas langsam, weil das Fieber einige Schwächezurückgelassen hatte. Endlich hat mich Gott in Wien einen guten, 15geschickten Meister und brave Mitgesellen finden lassen. ' ZurStärkung meiner Gesundheit gab mir der wohlhabende, wackereMann einige Tage lang die Kost unentgeltlich und überdies nochtäglich dreissig Kreuzer Unterhaltungsgeld. Diese Tage verwen-dete ich zu kleinen Spaziergangen in der grossen Stadt und ihrer 20Umgebung, was auf meine Gesundheit so wohltätig wirkte, dassich mich bald wieder ganz wohl befand.

Wenn mich nun der liebe Gott gesund erhält, so hoffe ich,durch Fleiss und Sparsamkeit bald etwas erübrigen zu können.

Ein Teil davon ist für Euch bestimmt. Wie freue ich mich darauf, 25diese erste Gabe auf die Post zu tragen! Sie soll Euch beweisen,dass ich Eurer Sorgen und Mühen während meiner Jugend stetseingedenk bin.

Möge Euch der liebe Gott bis auf unser Wiedersehen froh undgesund erhalten! 30

Das wünscht von Herzen Euer Sohn

Andreas Kolb.