Band 
Band I.
Seite
411
JPEG-Download
 

411

Der Abend kam indes heran,

Und weiter zog der deutsche Mann.

So kam er in ein Dorf geritten;

Da liefen die Leute aus den Hütten45 Und staunten an die zottige Haut,

Riefen ihm zu und jubelten laut,

Sagten, nun wäre die Gegend frei,

Er hab' erlegt den großen Leu.

Als er die Männer höret sagen,

50 Daß er der Tiere König erschlagen,

Von dessen Wut und wilder StärkeMan ihm erzählt viel Wunderwerke,

Da wendet sich der Knecht fürbaß,

Der längst den harten Strauß vergaß,

55 Besieht die Haut sich für und für;

„Eine gelbe Katze schien es mir.

Längst hätt' ich gern den Leu gesehn;

Nun ist's mir schier im Traum geschehn,

Daß ich gar einen hab' erschlagen"!

60 Und ritt voran mit gutem Behagen.

Wolfgang Müller (von Königswinter.)1816—1 873.

288. Die Weiber von Weinsberg.

(Im Jahr 1142.)

lÜer erste Hohenstaufen, der König Konrad, lagMit Heeresmacht vor Weinsberg seit manchem langen Tag;

Der Welse war geschlagen; noch wehrte sich das Nest;

Die unverzagten Städter, die hielten es noch fest.

2. Der Hunger kam, der Hunger! Das ist ein scharfer Dorn;Nun suchten sie die Gnade; nun fanden sie den Zorn.

„Ihr habt mir hier erschlagen gar manchen Degen wert,

Und öffnet ihr die Tore, so trifft euch doch das Schwert".

3. Da sind die Weiber kommen: „Und muß es also sein,Gewährt uns freien Abzug; wir sind vom Blute rein".

Da hat sich vor den Armen des Helden Zorn gekühlt;

Da hat ein sanft Erbarmen im Herzen er gefühlt.

4. „Die Weiber mögen abziehn, und jede habe frei,

Was sie vermag zu tragen und ihr das Liebste sei;

Laßt ziehn mit ihrer Bürde sie ungehindert fort;

Das ist des Königs Meinung; das ist des Königs Wort".