436
313. Einkehr.
ei einem Wirte wundermild,Da war ich jüngst zu Gaste;
Ein goldner Apfel war sein SchildAn einem langen Aste.
2. Es war der gute Apfelbaum,Bei dem ich eingekehret;
Mit süßer Kost und frischem SchaumHat er mich wohl genähret.
3. Es kamen in sein grünes HausViel' leichtbeschwingte Gäste;
Sie sprangen frei und hielten SchmausUnd sangen auf das beste.
4. Ich fand ein Bett zu süßer RuhAuf weichen, grünen Matten;
Der Wirt, er deckte selbst mich zuMit seinem kühlen Schatten.
5. Nun fragt' ich nach der Schuldigkeit;
Da schüttelt' er den Wipfel.
Gesegnet sei er allezeit
Von der Wurzel bis zum Gipfel!
Ludw. Uhland.1787 — 1862 .
*
314. Erdbeerliedchen.
1. Ein Mägdlein an des FelsenRand
Ein nacktes Erdbeersträuchlein fand,Von Sturm und RegengüssenZerzaust und losgerissen.
Da sprach das Mägdlein leise:
„Du arme, nackte Waise,
Komm mit mir in das Gärtchenmein!
Du sollst mir wie ein Kindlein sein" !
2. Drauf macht' es wohl dieWürzlein los
Und trug das Pflänzchen in dem SchoßUnd spähte still und wonnigEin Plätzchen, kühl und sonnig,
Und wühlte in der ErdeMit emsiger GebärdeUnd pflanzte nun das Pflänzchen einUud sprach: „Das soll dein Bettcheusein".
3. Und als die Frühlingszeit erschien,
Begann das Pflänzlein schön zu blühn,
Wie sieben weiße Sterne;
Das sah das Mägdlein gerne.
Die wurden sieben Beeren,
Als ob's Rubinen wären.
„Gelt", sprach's, „es will nun dankbar seinUnd meint, ich sei sein Mütterlein".
Friedrich Adolf Krummacher.1768 - 1845 .