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318. Die Finkenmutter.
(Ein Vater erzählt seinen Kindern:)
IDie eine Bkutter liebt, das sah ich heut', ihr Kinder!Hört an und denkt, es liebt die eure euch nicht minder.
Ich war im Gartenhaus, an dem der Birnbaum steht;
Im Baume hatt' ich längst ein Finkennest erspäht;
5 Vorsichtig war es da im Moos des Stamms versteckt,
Und drinnen hatte schon fünf Finklein ich entdeckt.
Mit Freuden stiegen sah ich ab und zu die Mutter;
Wie auch die eurige, gab sie den Ihren Futter.
Im Fenster stand ich nun, gestüchtet vor dem Regen,
10 Der niedergoß, erregt von starken Donnerschlägen.
Da stog im Sturm herbei mit Hast das FinkenweibUnd schirmte Nest und Brüt mit ihrem kleinen Leib.
Es spreitete, so >veit es konnte, sein Gesieder,
Und in des Halses Flaum duckt es sein Köpfchen nieder.
15 So wie es sich als Schild gewölbet ob den Seinen,
Trotzt es dem Regen erst und dann den Hagelsteinen.
Die Hagelsteine, sturmgeschleudert, rasselten,
Daß vom gepeitschten Baum die Blätter prasselten.
Der Stamm im Winde wankt' und auf dem Stamm das Nest;20 Die Mutter aber saß mit ihren Jungen fest.
Sie ließ das Ungestüm des Himmels sich ergießen,
Geduldig, nur bedacht, sich um ihr Nest zu schließen.
Und als es ausgetobt, sprach ich: „Gott sei gelobt!
In einem Vogel hat sich hier die Lieb' erprobt.
25 Die Liebe nur und nur die Mutterlieb' alleinVermochte das; nun auf und stieg, o Vögelein!
Die Luft ist wieder rein, nach Wetter Sonnenschein".
Es aber flog nicht fort, und unbeweglich dort
Saß es; nicht scheuchen ließ es sich von Ruf und Wort.
HO Zu missen wünscht' ich doch, Ivarum 's nicht flöge weiter,
Und ungeduldig stieg ich auf die Gartenleiter
Und guckt' ins Nest, wo sich ein rührend Schauspiel bot:
Die Vogelmutter, die die Lieben in der NotMit ihrem Leib gedeckt, saß aus dem Neste tot;
35 Die jungen Köpfchen sahn hervor lebendig munter.
Hier ist sie, >vie ich sie vom Neste nahm herunter.
Begrabt sie ehrenvoll am Busche der Jasminen;
Die Jungen nehmet euch, ersetzt die Mutter ihnen!
Und wenn mit Futter ihr die armen Maischen labt,
Dankt Gott, wie reich ihr seid, daß ihr die Mutter habt.
Friedrich Ruckert,
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