328. Alt Mütterchen.
lE schöner Wintersonnenschein,
Du lockst ins Freie groß und klein!
Alt Mütterchen läßt man im Haus allein.
Alt Mütterchen zählt an hundert Jahr';
5 Doch war in die Ferne ihr Blick noch klar.
Ihr Ruhebett war so gestellt,
Daß schauen sie konnt' in Gottes Welt.
Und — wie sie so durchs Fenster sahIn die Husumerbucht/ was sah sie da?
10 Die Ufer waren von Schnee so weiß;
Die See stand fest als blankes Eis,
Und über das weit gefrorene MeerJagt alles auf Schlittschuh'n hin und her;
Ein jeder schwingt sich auf seine Weise;
15 Die ganze Stadt schien auf dem Eise.
Es war ein Gewimmel und ein Gelauf;
Man stellte Zelt' und Buden auf;
Man schmauste und trank und sang und sprang;
Es wurde keinem die Weile lang.
20 Da dacht' in ihrer EinsamkeitAlt Mütterchen längstvergangner Zeit,
Wo sie die gleiche Lust erfahren,
Eh' sie gelangt zu zitternden Jahren.
Sie dacht' auch des Gatten und ihrer Knaben,
25 Die das ungestüme Meer begraben,
Wie heimgegangen all ihre LiebenUnd sie zuletzt so einsam geblieben.
Da seufzte sie: „Gott vergisset meinUnd läßt mich hier ganz seelenallein;
30 Ich muß hier als ganz unnütz sein;
Den Fremden schaff' ich nur Beschwerden;
Was soll ich noch fürder auf dieser Erden "?
Doch wie alt Mütterchen das spricht,
Straft sie ihr Herz: „O sündige nicht!
35 Der Ratschluß Gottes ist verborgen;
Laß ihn allein bestimmen und sorgen"!
In solchen und andern Gedanken
Schaut weiter sie auf das Schwingen und Schwanken.
Da erblickt sie über dem bunten Gewimmel40 In fernster Ferne ein Wölklein am Himmel,
1 Husum, Stadt an der Westküste von Schleswig.
Sckmid, Lesebuch I. 2. Auflage.