330. Der Stelzfuß.
Ach ging, als eben die Sonne schied,
Am Heerweg im schattigen Haine;
Da stelzte vorbei und sang sich ein LiedEin alter Soldat ohne Beine.
2. „O Himmel", dacht' ich, „was muß und kannDer Mensch auf Erden ertragen"!
Drauf grüßt' ich den Alten: „Ihr, armer Mann,
Habt viel vom Unglück zu sagen"!
3. „Von Unglück? O, davon weiß ich kein Wort",Versetzte der Stelzfuß und lachte.
„Nein, Landsmann, das Schlachtfeld war eben der Ort,Der Heil und Segen mir brachte.
4. Dort traf mich ein Schuß, wie ein Donnerschlag;Hui, waren die Beine verschwunden!
Dafür bin ich dankbar bis heutigen TagDer braven Kanone verbunden.
5. Ich möchte zwar, hinkend aus totem Holz,
Den fliehenden Hirsch nicht ereilen;
Doch sonst leb' ich froher, als ging ich stolzAuf euren lebendigen Säulen.
6. Strumpfwirker und Schuster lösen von mirNicht einen verschimmelten Heller;
Mich labt für das Spargeld mit Wein und mit BierDes Sonntags der wirtliche Keller.
7. Gern tastet wohl manchen das Zipperlein an;
Mich aber kann es nicht zwicken.
Mich schreckt nicht des wütenden Hundes Zahn;
Mich stechen nicht Bremsen noch Mücken.
8. Ich lauf' über Dornen und rauhes Gestein,
Als wären es weiche Violen;
Und brech' ich die Beine, so sind aus dem HainMir bald ein Paar neue zu holen.
9. Oft schwingt sie mein Arm, wie sein Schwert der Husar,Wenn Spötter zum Zorne mich reizen;
Wird eins zum Marschieren mir unbrauchbar,
So muß es den Ofen noch heizen.