205
und Stiel" aufaß. Lieb Väterchen ist aber sehr nachsichtig unddrückt über meine Unerfahrenheit oft ein Auge zu.
Die kleinen Geschwister sind alle recht folgsam und erfüllenihre verschiedenen Pflichten gewissenhaft. Du wirst bei DeinerRückkehr erstaunt sein, liebes Mütterchen, welche Fortschritte unserMariechen im Stricken und im Klavierspiel gemacht hat.
In der Hoffnung, Dich bald wieder gesund und neugestärktin unserer Mitte zu haben, grüßen wir Dich alle aufs herzlichste.Besonders aber empfange innigsten Gruß und Kuß
von Deinem HausmütterchenMina.
(I. Blaser.)
111. Fürbitte für ein Schwesterchen.
Basel, den 27. August 1905.
Liebe Eltern!
Erst vor drei Tagen schrieb ich Euch einen Brief voll fröh-lichen Inhalts über unser Leben und Treiben; nun wende ich michschon wieder an Euch, aber dieses Mal mit einer großen Bitte,die mein kleines Schwesterchen betrifft. Ich will Euch den ganzenHergang erzählen.
Letzten Mittwoch erhielt ich von meiner Freundin Marthaeine Einladung, die ich mit Freuden annahm. Deshalb mußte ichaber unsere kleine Frida allein zu Hause lassen, was mir nichtganz recht war. Vor meinem Weggang empfahl ich dem Wild-fang, ja recht artig und vernünftig zu sein, damit nicht noch inder letzten Woche Eurer Abwesenheit etwas Ungeschicktes vorfalle.Frida versprach mir zu gehorchen, und so verließ ich frohgesinntdas Haus. — Erst spät am Abend kehrte ich zurück. Da fiel esmir gleich auf, daß mir die Kleine nicht fröhlich entgegensprang,wie es sonst ihre Gewohnheit war. Voll banger Ahnungen gingich ins Haus und fand den kleinen Blondkopf laut schluchzend ineiner Ecke. Was war denn vorgefallen? — Da sah ich, daß dasFenster geöffnet und das Vogelhaus leer war. Rasch hatte ich