57
Kleinasiens mit ihren Heeren betreten durften. Jnr Kriegegegen die Perser hatten sich die Griechen wohl den größtenRuhm erworben.
XI. SokratcS.
Unter Perikles, dem gefeierten Redner und Staats-mann, strahlte Athen nicht nur durch äußere Macht, son-dern auch durch Künste und Wissenschaften vor alle» andernStaaten hervor. Ruinen von den Prachtwerken des kunst-sinnigen Volkes stehen noch in jenen Gegenden, als trauertensie über die gesunkene alte Größe, und selbst die gefallenenSäulen sind noch innner würdige Grabsteine einer längsterstorbenen Blüthezeit der Kunst. Je höher aber die Athenerstiegen, desto mehr erregten sie den Neid ihres Bruder-volkes, der Spartaner. Der peloponnesische Krieg (431 —404 v. Chr.) brach aus, und rnit ihm sank auch die Kunstwieder von ihrer Höhe herab. Denn„Wo die Waffcn erklirrenMit eisernem Klang,
Wo der Haß nnd der Wahn die Herzen verwirren,
Wo die Menschen wandeln im ewigen Irren —
Da wenden wir flüchtig den eilenden Gang,"
läßt Schiller in treffender Wahrheit die Künste sprechen.Ein höchst verderblicher Zeitgeist untergrub auch in kurzerZeit Religion und Tugend, die festesten Grundpfeilereines Staates. Athen sank iinmer tiefer.
Gegen dieses Berderbniß erhob sich mit aller Kraftein Freund echter Weisheit und Menschenwürde, der großePhilosoph Sokrates. Er war im Jahre 469 zu Athengeboren. Sein Vater war hier Bildhauer, und er selbsttrieb einige Zeit diese Kunst. Vielleicht mochte ihn aberder böse Zeitgeist zu ernsten Betrachtungen der hohenWürde und Bestimmung des Menschen hingezogen haben.Denn bald nachher entsagte er allen andern Beschäftigungenund widmete sich stiller Betrachtung. In diese war eroft so vertieft, daß er den ganzen Tag und die ganze