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Nacht unbeweglich auf derselben Stelle stand. Nur erst,wemr die Saune aufging, erwachte er gleichsam aus seinerVerzückung; dann entblößte er sein Haupt und betete.Unter seinen ausgearteten Mitbürgern, die in allen Lüstenschwelgten, und in der üppigsten Pracht einhergingeu, er-schien er selbst in rührender Einfachheit, nur in einen schlich-ten Mantel gehüllt; selbst im Winter ging er oft mit bloßenFüßen. Er aß und trank nur das Allergewöhnlichste itiibblieb bei einfacher Kost dauerhaft gesund, selbst zur Zeitder Pest. Seiu Grundsatz war: Nichts bedürfen ist gött-lich, und am wenigsten bedürfen der Gottheit am nächsten.
Bei einer so einfachen Lebensart war Sokrates stetsheiter und vergnügt. Kein Vorfall konnte seine Seelen-ruhe stören. Einst gab ihm ein zorniger Mann eine Ohr-feige. „Es ist doch verdrießlich," sagte Sokrates lächelnd,„daß man nicht voraussehen kann, wann es gut wäre,einen Helm zu tragen!" Eben so hörte er einst mit dergrößten Ruhe, daß Jemand schlecht von ihm gesprochenhabe. — „Mag er mich doch auch priigeln," sagte er,„wann ich nicht dabei bin."
Am meisten Gelegenheit seine Geduld zu üben fander in seinem eigenen Hause. Taut Hippe, seine Frau,war oft übler Laune und dann sehr zanksüchtig. EinesTages war sie nücder recht böse und schalt ihn tüchtigaus. Er blieb ganz gelassen. Da sie aber immer hefti-ger tuurbe, stand er endlich auf und ging aus dem Hanse.Das erbitterte sie noch mehr. Im Eifer ergriff sie einenTopf mit Wasser und goß denselben ihrem Gemahl ausdem Fenster nach. „Nun ja," sagte Sokrates, „nach einemsolchen Donnerwetter mußte es wohl regnen!"
Das Hauptgeschäft des Sokrates war die Unterweisungder Jugend. Er hielt aber keine regelinäßige Schule,sondern lehrte an allen Orten, auf dem Markte, auf Spa-ziergängen, bei Tische, im Lager, kurz, wo er viele Men-schen zusammen fand. Für seinen Unterricht forderte er