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Illustrirte Weltgeschichte in Charakterbildern in verbindung mit einem Abriss der Geschichte : für Schule und Haus / bearb. von Franz Xav. Wetzel
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Erscheinungen überrascht. Die hl. Orte, wo einst derErlöser wandelte, die Pracht und der Reichthum desOrients, die wunderbaren Irrfahrten frommer Pilger,die vielen Abenteuer der Ritter, dann auch die Sehnsuchtnach den theuren Zuriickgebliebenen, dieses und manchesAndere regte mächtig den Geist an und bot zu Dichtungenden reichhaltigsten Stoff.

Besonders war der Suden ein fruchtbarer Boden fürdie Dichtkunst. In den anmuthigen Thälern des südlichenFrankreich und Spanien, wo die Einbildungskraftder Bewohner feurig ist, wie die Sonne, unter welchersie leben, trieb die Dichtkunst ihre ersten Blüthen. Mannannte den Dichter Troubadour (Finder), weil erErfinder einer besonderen Gesangsweise war. Und weilder Gesang vorziiglich in der französischen Provence er-tönte, so hieß man diese Dichtkunst auch wohl die pro-ventzalische. Auf den Burgen der Ritter, bei fröhlichenFesten und Mahlen erschien der Sänger mit der Harfein der Hand. Ritter und Damen begrüßten mit stillerFreude den lieben Gast und hörten seinen gefühlvollenGesängen zum Klänge der Harfe zu. Wie Frankreichseine Troubadours, so hatte auch England seine Sänger,welche Minstrels hießen.

Von Frankreich aus verbreitete sich diese Gesangsweisenach Deutschland. Die neuen ritterlichen Sänger führtenden Namen Minnesänger, weil der Hauptgcgenstandihres Gesanges die Minne oder Liebe war, d. i. dieVerehrung, welche der Schönheit und Milde, der Anmuthund Tugend der edlen Frauen als Pfiegerinnen häuslichenGlückes und häuslicher Sitte in zarten Liedern dargebrachtwurde. Im Mittelpunkte dieser Verehrung stand dieJungfrau Maria, die Mutter des Gottessohnes, diehimmlische Königin, deren überirdischer Glanz verklärendauf alle irdischen Frauen niederstrahlt. Doch nicht dieLiebe allein war Gegenstand des Gesanges, sondern auch