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die Schönheiten der Natur, die Reize des Frühlings, dieHeldenthaten der Ritter und ihre wunderbaren Abenteuerwurden besungen.
Das vorzüglichste deutsche Heldengedicht, welches wirnoch besitzen, ist das Nibe lungen - Lied, dessen Alterund Verfasser aber bis jetzt noch nicht ausgemittelt sind.Es bildet den Vereinigungspunkt vielfach verschlungener,wundervoller Märchen und Volkssagen der uralten Helden-zeit. Der Grundstoff ist der Untergang der Nibelungen,eines altburgundischcn Heldenstammes, durch die Racheder schönen Chriemhild, der Gemahlin des hörnerneuSiegfried aus Tanten am Rhein, die deshalb als Haupt-personen dastehen.
Schon im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts ver-breiteten sich Dichtkunst und Gesang von den Burgen derRitter auch in die Städte. Die Bürger fanden Vergnü-gen daran, in Erholungsstnnden die schönen Lieder undErzählungen der Minnesänger zu lese». Manche, die insich einiges Talent fühlten, ahmten ihnen »ach und sin-gen in Nebenstunden an, fleißig zu dichten. Bald bilde-ten sie eine besondere Säugerzunft unter sich und wur-den, weil sie Meister ihres Handwerkes waren, Mei-stersäuger genannt. Auch hielten sie, wie andereZünfte, regelmäßige Versammlungen auf ihrer Zeche oderHerberge und trugen hier ihre Lieder vor. Vorzugs-weise aber war die Kunst dieser Meister heiligen Zweckengewidmet. Darum wurden ihren Gesängen auch biblischeTexte untergelegt, und die öffentlichen Singschulen oderWettstreite an Sonn- und Festtagen in der Kirche nachdem nachmittägigen Gottesdienste gehalten.
Die Singschulen der Meistergenossenschaften erstan-den vornehmlich in den süddeutschen Städten, zunächst inMainz, dann auch in Augsburg, Nürnberg, Frankfnrt,Memmingen, Colmar, Ulm und vielen andern. JedeGesellschaft hatte ihre Tabulatur, d. i. ein Verzeich-