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zusammengefunden, die Schlachtopfer gerichtet, gefoltert,eingekerkert und ganz Deutschland mit Schrecken erfüllthaben. Allerdings waren die Schoppen über ganz Deutsch-land verbreitet und hielten über das gesammte deutscheReich mit weit mehr Gewalt und Ansehen Gericht, alsselbst Kaiser und Reich. Aber nie richteten sie, außer aufeine erhobene Anklage hin. Nie folterten sie, sondern sierichteten nach altgermanischer Weise auf freier MännerEid oder auf freies Geständniß. Nie ließen sie Gefangenein Haft schmachten; denn erschien der Geladene, so wurdeer noch an demselben Tage gerichtet, und er ging entwederunschuldig erfunden frei wieder weg, oder hing als Ver-urtheilter noch an demselben Tage an einem Baume. Niegebrauchten sie eine andere Strafe als deir Strang. Nierichteten sie in Gewölben, in Höhlen, bei Nacht, sondernunter Gottes freiem Himmel, am hellen Tage, an denallbekannten germanischen Malstätten.
Wem es eben um geschichtliche Wahrheit zu thunist, der hat dieselbe nicht bei Dichtern und Romanschrei-bern zu suchen, sondern in den zuverlässigen, unpartei-ischen Büchern der Geschichte. Es gibt nichts so Gutes,das nicht entstellt werden könnte. Unzählige Personen undEreignisse, die durch eine falsche Geschichtschreibung langeZeit im ungünstigsten Lichte vor der Welt dagestanden,hat erst eine spätere vornrtheilsfreie Geschichtsforschungwieder in ihr wahres Licht gestellt.
XXXV». Die Feste des Mittelalters.
Das phantasiereiche, lebensfrohe Mittelalter entfaltetein seinen Festen eine Pracht, von der unsere Zeit kaumeilten Begriff hat. Besonders mit den Hochzeiten warenaußerordentliche Feierlichkeiten verbunden. Erzählt unsdoch das Nibelungenlied gleich im Anfang, daß in alte»Mären Wunders viel gesagt sei von freudigen Hoch-