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schreiben Sie mir doch noch umständlicher von unsers teurenseligen Vaters Krankheit und Tod. Meine lieben Geschwister,die beiden kleinen nicht ausgenommen, sollen dieses auch, einjedes besonders tun. Es ist gut, dass wir uns insgesamt mitdiesen Vorstellungen unterhalten ; denn es ist überhaupt nichtsheilsamer, als öftere Todesbetrachtungen.
Wenn ich mir eine umständlichere Nachricht ausbitte, soverstehe ich sogar die kleinsten Umstände darunter, die Ihnennur einfallen. Ich will Ihnen einige kleinere und grössereanzeigen: In welcher Stube oder Kammer ist er gestorben?Wer war nach Ihnen in seiner Krankheit am meisten zugegen ?Glaubte er vorn Anfange des Blutsturzes an, dass er daransterben würde? Und wenn er es nicht gleich anfangs glaubte,wann fing er an, es zu glauben? — Er erinnerte sich gewissseiner abwesenden Kinder, die ihn so sehr geliebt haben und»och lieben; auf welche Art, mit welchen Worten tat er es?Ich hoffe zu Gott, dass wir so leben werden, dass der Segenseines Gebetes auf uns ruhen wird.
Mein Schmerz ist zwar durch die Gnade Gottes ruhig;aber er wird lange dauern. Ich habe ihn sehr, sehr geliebt.Ich habe viel an meine selige Grossmutter, die mich zuerstln der Religion unterrichtet hat, und an den seligen JohannChristian gedacht. Nun sind diese drei von mir so sehr Ge-liebten in der Ruhe der Ewigkeit bei einander.
Ich glaube, Meta würde hier noch ein paar Zeilen schreiben;hber der Besuch, den sie hat, hält sie zu lange auf.
Gottlieb.
4. Schiller an Wilhelm von Humboldt.
Weimar, den 12. September 1803.
Ihr schmerzlicher Verlust, mein teurer Freund! dessenganze Grösse wir recht wohl empfinden, da wir das liebe Kindvor zwei Jahren so hoffnungsvoll sich entwickeln gesehen, hatuns beide aufs innigste betrübt, und ich gestehe gern, dassle 'h keinen Trost dagegen weiss, als den die Zeit, die alleWunden endlich heilt, herbeiführen wird. Jetzt kann ich nurmit Ihnen darüber klagen und Ihren ganzen Kummer mitIhnen teilen. Sie waren berechtigt zu den schönsten Hoff-nungen; wirklich vereinigte sich alles, diesem Kinde ein glück-
W iesendantfer, deutsches Sprachbueli. II. g