Buch 
Bilder aus der Weltgeschichte : ein Lehr- und Lesebuch für Gymnasien, Lehrerseminarien und andere höhere Schulen, sowie zum Selbstunterrichte / von Wilhelm Oechsli. 3. Teil (zweite Hälfte) / Neueste Geschichte bis zur Gegenwart
Entstehung
Seite
122
JPEG-Download
 

122

des Königs sollte es abhängen, ob er denselben willfahren wolle odernicht. Jetzt bewog die stets wachsende Gärung in der Hauptstadt undim Lande Friedrich Wilhelm IV. am 18 . März, in einem Erlaß diesofortige Einberufung des Landtags, die Einführung der konstitutio-nellen Regierungsform und seine Mitwirkung zur Einigung Deutsch-lands zu versprechen. Am Nachmittag versammelte sich eine dichteVolksmenge vor dem königlichen Schlosse, um dem Monarchen dafürdankend Hoch zu rufen. Da fielen durch einen unglücklichen Zufallzwei Schüsse aus dem Militär, worauf die Menge mit dem Ruf:„Verrat, zu den Waffen!" auseinander stob. Berlin bedeckte sich mitBarrikaden und ein furchtbarer Straßenkampf entspann sich, der erstam nächsten Tage ein Ende nahm, als der König sich dazu verstand,die Truppen aus der Stadt zurückzuziehen. Um das Volk zu beruhigen,durchritt Friedrich Wilhelm IV. sogar die Straßen der Hauptstadt,mit dem schwarz-rot-goldenen Bande, den deutschen Farben, geschmückt,und erklärte, daß er sich an die Spitze der nationalen Bewegung stelle,die ganz Deutschland ergriffen hatte. — Denn wie in Italien, ver-band sich auch in Deutschland mit dem Ruf nach Freiheit derjenigenach Einheit. Auf die Einladung eines Ausschusses, der sich zu Heidel-berg gebildet hatte, vereinigten sich Ende März angesehene Männeraus allen deutschen Gauen, meist Mitglieder der verschiedenen deutschenKammern, in Frankfurt zu einem Vorparlament, um die ein-leitenden Schritte zur Wahl einer deutschen Nationalversamm-lung durch das ganze deutsche Volk zu tun, welche das neue Reichbegründen und ihm eine Verfassung geben sollte. Der deutsche Bundes-tag, der sich so lange als Büttel Metternichs die Verachtung und denHaß der Nation zugezogen hatte, beeilte sich jetzt, seinen Freisinn anden Tag zu legen, indem er alle Beschlüsse dieses Vorparlamentesnamens der Regierungen bestätigte und ihnen dadurch Gesetzeskraftverlieh. Die Wahlen fanden überall statt, und am 18 . Mai trat daserste deutsche Parlament zu Frankfurt in der Paulskirche zu-sammen, eine glänzende Versammlung, welche die gefeiertsten Namenganz Deutschlands enthielt. Die große Mehrheit, welche in dem Präsi-denten von Gagern, dem Historiker Dahlmann u. a. ihre Führer