Band 
Erster Teil. Altertum und Mittelalter.
Seite
76
JPEG-Download
 

76

b) Karl der Große.

(768-814.)

Karl der Große war zwar beim Antritte seiner Regierungerst 28 Jahre alt; doch erschien er schon damals durch seineUmsicht, Tapferkeit und Ausdauer zum Herrscher wie geschaffen.

Karl war von Person voll und stark; er hatte einen hohen, hervor-ragenden Wuchs, der jedoch das rechte Blaß nicht überschritt. Sein Scheitelwar rund, seine Augen groß und lebhaft, die Nase etwas mehr als mit-telmäßig, das Haupthaar schön, und sein Angesicht fröhlich und heiter.Daher zeigte seine Gestalt, er mochte stehen oder sitzen, immer Ansehenund Würde.

Im Essen war Karl sehr mäßig und noch mäßiger im Trinken.Gastmahle und Schmausereien hielt er äußerst feiten und nur bei beson-deren und hohen Festlichkeiten; dann aber konnte ihm die Zahl der Gästeauch nicht leicht zu groß werden. Während des Essens ließ er sich ge-wöhnlich etwas Unterhaltendes vortragen. Meistens wurden die Geschichtenund Thaten der Alten gelesen. Nach dem Mahle legte er, wie bei Nacht,Kleider und Schuhe ab und ruhte zwei bis drei Stunden. In der Nachtaber schlief er so, daß er den Schlaf vier- bis fünfmal nicht allein durchAufwachen, sondern auch durch völliges Aufstehen unterbrach. Währenddes Ankleiden? ließ er nicht nur Freunde und nahe Bekannte zu sich,sondern beschied auch, wenn der Käminerer eine Rechtssache berichtete, dieohne des Königs Ausspruch nicht abgemacht werden konnte, die streitendenParteien selbst zu sich herein und fällte, als wenn er auf dem Richter-stuhle säße, nach erkannter Sache sogleich das Urteil. Und nicht das allein,auch alles, was für den Tag zu verhandeln und was diesem oder jenemBeamten aufzutragen war, ordnete er zu dieser Zeit an.

Während der Erholungsstunden übte er sich fast täglich im Reitenund Jagen; denn das war ihm schon von der Landessitte angeboren, dakeine Nation anf Erden es in dieser Kunst den Franken gleich that. Auchhatte er ein besonderes Gefallen an Bewegung in natürlich warmenWassern und übte sich fleißig im Schwimmen.

In der Kleidung blieb er bei der einheimischen, das ist fränkischenTracht. Am Leibe trug er ein leinenes Hemd und leinene Beinkleider, dar-über einen kurzen Rock mit einem seidenen Gurt; außerdem Strümpfeund Schuhe. Im Winter versorgte er die Schultern und die Brust nochmit einem Wamms von Pelz. Immer war er mit einem Degen um-gürtet, dessen Griff und Gehenk von Gold oder Silber war. Bisweilentrug er auch einen Degen mit Edelsteinen besetzt; dies geschah jedoch nurbei besonderen Festlichkeiten oder bei der Ankunft fremder Gesandten.Ausländische Kleider, wenn sie auch noch so schön waren, verschmähte er;nur zu Rom erschien er einmal aus Bitten des Papstes Hadrian, undspäter wieder auf dringendes Zureden von dessen Nachfolger Leo in rö-mischer Tracht mit einem langen Gewände. Bei hohen Festen jedoch >varsein Anzug stets kostbar; dann trug er ein aus Gold gewobene? Gewand,aus dem Lberkleide eine goldene Schnalle und aus dem Haupte eine Krone